GEORG ANASTASIADIS
Glückliches Deutschland! Jetzt haben es die Bundesbürger amtlich, dass die seit zweieinhalb Jahrzehnten regierenden Kanzler(innen) in Bezug auf Putin und dessen blutige Agenda nichts falsch gemacht haben (wollen): Dem Basta von Gerhard Schröder („Ein mea culpa ist nicht mein Ding“) ließ Angela Merkel nun eine im Ton höflichere, aber in der Sache ebenso bestimmte Absage an jegliche eigene Mitverantwortung folgen. Sie werde sich, ließ die Altkanzlerin wissen, für ihre Russlandpolitik „nicht entschuldigen“ und begründete das in typischem Merkel-Deutsch: Diplomatie sei ja nicht falsch, nur weil sie nicht gelinge.
Wer Merkel kennt, dürfte eine andere, selbstkritischere Einordnung des eigenen Tuns in 16 Regierungsjahren kaum erwartet haben. Und böse Nachfragen musste die amüsant und durchaus sympathisch plaudernde Kanzlerin a. D. vom freundlichen Interviewer nicht befürchten – den gefälligen Rahmen für ihre späte Wortmeldung hatte sie selbst gewählt, nachdem sie bemerkt hatte, dass ihr langes Schweigen zunehmend dröhnend geworden war. Dabei hätte es Anlass für kritischere Fragen durchaus gegeben: Wenn sie sich, wie Merkel erklärte, über Putins gefährliche Natur stets im Klaren gewesen sei, wie konnte sie dann zulassen, dass die Bundeswehr nach 16 Jahren ihrer Regentschaft dem Heeresinspekteur zufolge zur Landesverteidigung nicht in der Lage ist? Und, noch gravierender: Wie konnte es geschehen, dass sie Deutschland energiepolitisch den Launen eines gemeingefährlichen Diktators auslieferte und diesen so im Glauben bestärkte, ein Krieg gegen die Ukraine sei führbar?
Wir würden sie vermissen, orakelten nicht wenige nach Merkels Abgang. Heute, sechs Monate später, regnet es Bomben auf die Ukraine. Für Abschiedsschmerz bleibt da wenig Zeit.
Georg.Anastasiadis@ovb.net