Was Corona-Experten im Herbst erwarten

von Redaktion

Berater der Bundesregierung entwerfen drei mögliche Szenarien – Ärger um Streeck-Papier

München – Was kommt im Herbst? Der Corona-Expertenrat der Bundesregierung hat nun eine Einschätzung veröffentlicht. Die Berater gehen davon aus, dass die Impflücke, abnehmende Immunität, die Veränderung des Virus sowie ein wieder stärkeres Auftreten anderer Atemwegserreger „das Gesundheitssystem und die kritische Infrastruktur im Herbst/Winter wahrscheinlich erneut erheblich belasten“. Da allerdings auch das von Bund und Ländern eingerichtete Gremium nicht hellsehen kann, hat es drei Szenarien entworfen.

Das günstigste Szenario: Eine weniger schwere Variante als Omikron setzt sich durch. Dann wären Schutzmaßnahmen kaum noch nötig, im besten Fall nur noch für Risikopersonen. Durch die wegfallenden Vorsichtsmaßnahmen könnte es in diesem Fall allerdings zu deutlich mehr Infektionen mit anderen Erregern kommen – beispielsweise in Form einer starken Grippewelle. Auch davon könnte das Gesundheitssystem womöglich stark belastet sein, sagen die Experten – speziell die Kindermedizin wäre betroffen.

Das Basisszenario: In diesem mittleren Szenario bekommt Deutschland es im Herbst mit einer ähnlichen Variante zu tun wie die derzeit vorherrschenden Omikron-Spielarten. Die Experten gehen dann von vielen Infektionen über die gesamte kalte Jahreszeit aus. Die Intensivstationen würden nicht übermäßig belastet. Dennoch könnten gehäufte Arbeitsausfälle dann erneut Masken- und Abstandsregeln in Innenräumen nötig machen, heißt es im Bericht. Auch regionale Kontaktbeschränkungen seien denkbar.

Das ungünstige Szenario: Im schlechtesten Fall gäbe es im Herbst eine Virusvariante, die sowohl ansteckender als auch schwerer ist als die derzeitigen. Womöglich wären dann auch vollständig Geimpfte nicht mehr gut vor schweren Verläufen geschützt und bräuchten eine zusätzliche Auffrischung. Die Krankenhäuser wären in diesem Fall sehr stark belastet. Erst im Frühjahr könnten aus Sicht der Experten Maskenpflicht und Abstandsregeln wieder gelockert werden.

Der Ratsvorsitzende Heyo Kroemer betonte, das Gremium wolle keine dramatischen Bilder und Sorgen erzeugen. Die Stellungnahme sei der „sachliche Versuch“, das mögliche pandemische Geschehen zu beleuchten und bereits zeitnah Empfehlungen zu geben. Nötig sei eine „vorausschauende Vorbereitung mit kurzen Reaktionszeiten“, heißt es im Bericht. In jedem Fall erfordere die Vorbereitung unter anderem „eine solide rechtliche Grundlage für Infektionsschutzmaßnahmen“.

Ein Punkt, den angesichts des im September auslaufenden Infektionsschutzgesetzes auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) immer wieder herausstellt. Das Problem sieht er in Berlin. „Wenn die FDP vernünftige Maßnahmen blockiert, muss Bundeskanzler Scholz ein Machtwort sprechen“, sagte Holetschek gestern. Es könne nicht sein, dass sich der „Populismus-Kurs“ eines kleinen Ampel-Partners durchsetze.

Ärger gibt es auch um ein anderes Corona-Expertenpapier – und das, obwohl es noch nicht einmal erschienen ist. Ein Sachverständigenausschuss soll im Juni einen Bericht darüber vorlegen, welche Corona-Maßnahmen geholfen haben und welche nicht. Doch schon jetzt gibt es der „SZ“ zufolge scharfe Kritik von Fachleuten an einem Entwurf des Berichts. Das unter Federführung des Virologen Hendrik Streeck verfasste Kapitel sei handwerklich schlecht gemacht und solle nur eine vorgefasste negative Meinung zu den Corona-Maßnahmen bestätigen, lautet der (anonyme) Vorwurf aus Expertenkreisen. SEBASTIAN HORSCH

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