Dass sich alles wenden müsse, ist jetzt überall zu hören im politischen Alltag. Es hat tiefe Wurzeln im deutschen romantischen Denken. Das Gedicht „Frühlingsglaube“ von Ludwig Uhland mit dieser Zeile war Kult in der DDR zur Wendezeit.
In jüngster Zeit allerdings hat Deutschland mit seinen Wenden weniger Erfolg gehabt, von Merkels Energiewende, der Zeitenwende von Bundeskanzler Scholz bis zur Zinswende der EZB.
Die Energiewende erlebt heute ihre Stunde der Wahrheit. Wir müssen zurück zu Kohlekraftwerken, weil der Ausbau der Windenergie unzureichend ist. Kein Wunder bei den vielen bürokratischen Hürden, die jeder einzelnen Mühle unverändert entgegenstehen. Selbst ernannte Naturschützer stoppen ganze Anlagen wegen einer Fledermaus. So sind wir unverändert abhängig von Kohle wie von russischem Gas, mit dem wir nun erpresst werden. CO2-freie Kernkraft, die einmal ein Drittel der deutschen Energieerzeugung brachte, gibt es de facto nicht mehr.
Niemand sollte sagen, das ist alles die Schuld eines Herrn Putin oder von Ex-Kanzler Schröder. Wechselnde Regierungen von CDU/SPD, dazu unverantwortliche Industrieführer haben Deutschland diese Katastrophe beschert. Heute wissen wir auch, dass ohne Kernkraft die gesetzten Klimaziele nicht zu erreichen sind.
Eigentlich unverdient bei all dieser Blindheit hat Deutschland jetzt aber doch noch ein wenig Glück. Das leider notwendige Umsteuern kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem unsere Kohlegaswerke noch nicht verschrottet sind. Insbesondere die neueren Anlagen gehören zu den modernsten der Welt. Sie sind im Verhältnis zu dem, was früher üblich war, sauber mit geringen CO2-Emissionen.
Dass Deutschland eigenes Gas durch Fracking gewinnen könnte, gehört auch auf den Tisch. Billionen Kubikmeter Gas lagern im Schiefergestein in Tiefen von über einem Kilometer. Das ist weit unter den grundwasserführenden Schichten, die angeblich durch Fracking gefährdet werden.
Wie weit Bundeskanzler Scholz die von ihm ausgerufene Zeitenwende im Verhältnis zu Moskau wirklich lebt, weiß man nicht. Äußerungen seines engsten Beraters irritieren. Die Opposition spricht schon übertreibend von „Putins Mann im Kanzleramt“. Das wäre schlimm, denn „Wie der Herr, so‘s Gescherr“ heißt es. Deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine sind nur Petita statt Schach. Aber wir haben ja auch kaum Waffen. Auch das gehört zu den beunruhigenden Wahrheiten.
Zu allem kommt nun noch die Zinswende der Europäischen Zentralbank, um endlich etwas gegen die Inflation zu tun. Sie ist das unsozialste und größte Übel, das uns befallen hat. Die EZB aber tut zu spät zu wenig. Sogar die verhängnisvollen Aufkäufe von Staatsanleihen laufen weiter, damit der Zinsabstand zwischen Bundesanleihen oder zum Beispiel italienischen Staatsanleihen nicht zu groß wird. Der Euro macht auch die Inflationsbekämpfung noch schwieriger, als sie sowieso schon ist. Jede Inflation hat ihre Ursache vor allem in aufgeblähten Staatsausgaben. Das zurückzufahren wäre eine echte Zeitenwende. Dieses Frühlingserwachen aber wird es kaum geben.
Schreiben Sie an:
Ippen@ovb.net