Und plötzlich ist Scholz verschwunden

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – Selbst im Leben eines Markus Söder ist das ein außergewöhnlicher Moment. Die Air Force One rollt heran, auf den umliegenden Flughafendächern lauern Scharfschützen, die Gebirgsschützen stehen salutierend Spalier. Die Stadtkapelle Freising spielt neben dem Dröhnen der Regierungsmaschine und des wartenden Militär-Hubschraubers unbeirrt den Kaiserin-Sissi-Marsch. Der US-Präsident schreitet die Flugzeugtreppe herab, ergreift Söders Rechte mit einer, nein, mit beiden Händen.

Was sich die zwei erzählen in diesen Minuten, ist recht banal. Biden spricht von seinen Bayern-Besuchen, dankt für die enge Verbindung auch in Krisenzeiten. Söder grüßt, dankt, er scherzt sogar: „Meine bavarian army“, sagt er, zeigt auf die Gebirgsschützen. Was viel wichtiger ist: Die Fotoserie vom roten Teppich erweckt echt den Eindruck, der mächtigste Mann der Welt besuche Söder.

Das stimmt, aber nur zum Teil. G7-Gastgeber ist der Bund, also der Kanzler. Der heißt, die Geschichte wollt’s anders, nicht Söder. Olaf Scholz kommt in der weißblauen Maximal-Inszenierung zur Ankunft aber noch kaum vor. Das ist halb selbst verschuldet: Auch Scholz wäre mit Bayern-Pomp empfangen worden, entschied sich aber – so schildern Beteiligte aus der Staatskanzlei – für eine unauffällige Landung ohne Krawatte und Fotografen.

Die andere Hälfte: Söder lässt den Kanzler auch gern mal verschwinden. In einem offiziellen CSU-Tweet heißt er die Staatschefs des G7-Gipfels willkommen, „Grüß Gott in Bayern“ – in der Foto-Collage sind es aber nur G6, Scholz ist einfach nicht abgebildet. Im Internet hagelt es Zorn und Häme dafür. „Peinlich“, schäumt auch Bayerns SPD-Chef Florian von Brunn, das sei mehr als eine Stilfrage. Söder kontert auf Nachfrage, Scholz sei eben nicht Gast, sondern der „politische Gastgeber“, man stehe in gutem Kontakt. Die Kritik sei „an den Haaren herbeigezogen“.

Wie auch immer – Söder setzt am Wochenende vorerst keinen Fuß ins hermetisch abgeriegelte Schloss Elmau, weil er schlicht nicht eingeladen ist – aber ist auf den Bildern vom Gipfelstart außergewöhnlich präsent. Er holt auch das Ehepaar Macron vom Flugzeug ab. „Lieber Marküss“, sagt der französische Staatschef und legt ihm die Hand auf den Arm.

Hinzu kommt: Die Staatskanzlei stellt in München am Sonntagabend einen veritablen Neben-Gipfel auf die Beine. Söder lädt die Delegationen aus den Ländern in die prachtvolle Münchner Residenz, die heute zu den G7 in Elmau dazustoßen. Wieder Ehrenspalier der Gebirgsschützen, Blaskapelle, hundert Meter roter Teppich, an dessen Ende das Ehepaar Söder feierlich die Präsidenten aus Argentinien, Südafrika und dem Senegal in Empfang nimmt. Am Ende läuft sogar Indiens Regierungschef Narendra Modi mit gefalteten Händen auf den Bayern zu.

Für Söder, der in seiner Laufbahn schon viel war, aber kein ausdauernder Außenpolitiker, ist das eine große Bühne. Mit dem Bund ist das Dinner zwar ausdrücklich abgestimmt; dass Söder eine derart üppige Bayern-Machtpräsentation aus dem Abend macht, dürfte in Berlin manchen zucken lassen.

Im Gipfel-Verlauf wird nun Scholz weiter in den Mittelpunkt rücken; Söder ist nur heute Abend Gast beim Grillabend der G7-Spitzen in Elmau. Seine Rechnung geht allerdings wohl eh auf. Größtes politisches Risiko für Bayern als Irgendwie-Mit-Gastgeber des Gipfels wären üble Ausschreitungen oder ein Anschlag: Polizei und Sicherheit sind Ländersache. Bisher blieb das im Rahmen. Dafür liefert der Gipfel nebenbei wie 2015 gigantische Tourismus-PR fürs Reiseziel Bayern. Kein Tropfen Regen, Schloss Elmau unter weißblauem Himmel – gut, dafür können Söder und Scholz beide nichts.

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