Russland bestreitet gezielten Angriff

von Redaktion

Moskau: Bomben in Krementschuk galten Waffendepot – Deutschland und Niederlande liefern mehr Panzerhaubitzen

Moskau – Nach dem von den G7-Staaten als „Kriegsverbrechen“ verurteilten russischen Raketenangriff in der zentralukrainischen Stadt Krementschuk hat Russland den Vorwurf zurückgewiesen, gezielt ein gut besuchtes Einkaufszentrum beschossen zu haben. Die russische Armee erklärte am Dienstag, der Angriff habe sich gegen ein nahe gelegenes Waffen- und Munitionslager gerichtet; das zu dem Zeitpunkt geschlossene Einkaufszentrum sei durch explodierende Munition in Brand geraten. Die Zahl der Todesopfer stieg nach ukrainischen Angaben auf mehr als 20.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte die Einstufung Russlands als „staatlicher Sponsor des Terrorismus“. Nur „völlig verrückte Terroristen“ würden zivile Einrichtungen mit Raketen angreifen, erklärte Selenskyj im Onlinedienst Telegram. Kindergärten, Schulen, Einkaufszentren und Wohngebäude in der Ukraine würden nicht versehentlich von Raketen getroffen, sondern gezielt beschossen: „Die Welt kann und muss den russischen Terror beenden.“

Nach ukrainischen Angaben war das Einkaufszentrum voller Menschen, als es angegriffen wurde; Selenskyj zufolge hielten sich „mehr als 1000 Menschen“ in dem Gebäude auf. Die russische Armee betonte dagegen, das Zentrum sei zum Angriffszeitpunkt geschlossen gewesen. Die Aufräumarbeiten in der Shopping-Mall schreiten derweil voran. „Mehr als 60 Prozent der Trümmer sind geräumt“, schrieb der Gouverneur des Gebiets Poltawa, Dmytro Lunin, im Nachrichtendienst Telegram.

Der UN-Sicherheitsrat wollte sich am Dienstagabend in einer Sondersitzung mit den jüngsten russischen Angriffen auf zivile Ziele in der Ukraine befassen. Der französische Präsident Emmanuel Macron verbreitete auf Twitter ein Video von den Folgen des Angriffs und forderte die russische Bevölkerung auf, „der Wahrheit“ über das russische Vorgehen in der Ukraine „ins Auge zu sehen“. Dieses sei „blanker Horror“.

Der Kreml erklärte derweil, Russland würde seine Offensive in der Ukraine einstellen, sobald das Land kapituliere: „Die ukrainische Seite kann alles noch heute beenden“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow in Moskau. Notwendig sei „eine Anordnung an die nationalistischen Einheiten und Soldaten, ihre Waffen niederzulegen“. Auch müsse Kiew alle russischen Bedingungen erfüllen. Bis dahin richte sich Russland nach „den Aussagen unseres Präsidenten“ – der „militärische Spezialeinsatz“ verlaufe „planmäßig“ und „erreicht seine Ziele“.

Die Ukraine denkt allerdings nicht ans Aufgeben – und wird mit immer mehr schweren Waffen aus dem Westen versorgt. Deutschland und die Niederlande werden nun der Ukraine zusammen sechs weitere Modelle der Panzerhaubitze 2000 liefern. Das sagten Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) und ihre niederländische Amtskollegin Kasja Ollongren am Dienstag am Rande des Nato-Gipfels in Madrid. Damit wird die Ukraine nun insgesamt 18 Stück des Waffensystems erhalten – eine ausreichend große Zahl für ein komplettes Artilleriebataillon.

Russische Truppen setzten nach ukrainischen Angaben auch ihre Versuche fort, die ostukrainische Großstadt Lyssytschansk einzukreisen. Die ukrainische Armee verteidige die Stadt jedoch weiterhin. Von den ursprünglich 95 000 Einwohnern harren laut Gouverneur Serhij Hajdaj noch etwa 15 000 in der Stadt aus. Die gesamte Region Luhansk liege inzwischen in „Ruinen“.

Lyssytschansk ist momentan das nächste wichtige Ziel der russischen Truppen, nachdem sie die Nachbarstadt Sjewjerodonezk nach wochenlangen Gefechten am Wochenende gänzlich eingenommen hatten. BENOIT FINCK

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