London – Tagelang hat sich Boris Johnson vehement gegen seinen Sturz gewehrt, am Ende ist alles Kämpfen vergeblich. Als er am Donnerstag in der Londoner Downing Street vor die Presse tritt und seinen Rücktritt verkündet, gibt er sich dennoch ungebrochen. „Es ist nun eindeutig der Wille der konservativen Parlamentsfraktion, dass es einen neuen Parteichef geben soll und damit auch einen neuen Premierminister“, sagt Johnson. Er wolle noch so lange im Amt bleiben, bis ein Nachfolger gewählt sei.
Die Betonung auf den „Willen der Fraktion“ dürfte Johnson nicht zufällig gewählt haben. Noch am Mittwoch, als große Teile der Regierung wegbrachen, ließ Johnson ausrichten, er habe das Mandat von 14 Millionen Wählern bekommen, er habe noch viel zu tun für das Land. „Johnson denkt eindeutig, dass Großbritannien ein präsidiales System hat und nicht seine Partei, sondern er ein Mandat bei der Wahl 2019 gewonnen hat“, sagte der Politologe Mark Garnett dazu.
Johnson untergräbt das politische System nach Ansicht von Kritikern schon seit geraumer Zeit. Wenn es seinem Machterhalt diente, war der 58-Jährige bereit, Brücken zu Partnern wie der EU sowie den Regionalregierungen in Schottland, Wales und Nordirland einzureißen. Garnett glaubt, dass ein Auseinanderbrechen des Landes wahrscheinlicher geworden ist.
Auch im Verfassungsgefüge war Johnson mit der Abrissbirne unterwegs. Ob bei der Justiz, den Rechten des Parlaments, der Demonstrationsfreiheit oder der Gültigkeit internationaler Verträge – Johnson versuchte, die Macht der Exekutive auszubauen. Dass das Land keine geschriebene Verfassung hat, kam ihm dabei entgegen.
Die charakterlichen Eigenheiten waren bekannt. Dass ihm die Konservativen 2019 dennoch die Schlüssel zur berühmten schwarzen Tür mit der Nummer 10 in der Downing Street aushändigten, dürfte mit seinem politischen Talent zusammenhängen. Johnson galt als politisches Wunderkind. Ihm gelang es, Menschen aller Gesellschaftsschichten zu erreichen und sich besonders in der Frage des EU-Austritts als Volkstribun zu inszenieren, der gegen abgehobene Eliten und Bürokraten kämpft. Dabei ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson alles andere als ein Mann des Volkes. Seiner Schwester zufolge war sein erster Berufswunsch, „Weltkönig“ zu werden. Er ging auf das Elite-Internat Eton und studierte in Oxford, wo er dem „Bullingdon-Club“ angehörte, einer für ihre Dekadenz berüchtigten Studentenverbindung.
Johnsons Aufstieg ist eng mit dem Brexit verbunden. Ganz Opportunist, entschied er sich 2016 erst wenige Monate vor dem Referendum, auf welche Seite er sich schlagen wollte – und wurde dann schnell zum Gesicht der Brexit-Kampagne.
Seine Bilanz als Regierungschef ist mehr als durchwachsen. Zugute gehalten wird ihm seine bedingungslose Unterstützung für die Ukraine. Zuvor lief es weniger gut. Die Pandemie ignorierte er, dann redete er sie klein. Langes Zögern, bevor er sich zu den Lockdowns durchrang, und die Überweisung Tausender Menschen ohne Tests von Krankenhäusern in Pflegeheime dürfte zig Leben gekostet haben. Was Johnson damals rettete, war die erfolgreiche Impfkampagne, die er als Wettlauf mit der EU darstellte.
Das Blatt wendete sich, als nach und nach Enthüllungen über verbotene Lockdown-Partys mit teils exzessivem Alkoholkonsum bekannt wurden. Während die Menschen nicht einmal ihre sterbenden Angehörigen besuchen durften, floss in der Downing Street Alkohol in Strömen. Johnson stritt erst alles ab. Als das nicht mehr ging, behauptete er, nichts von den Partys gewusst zu haben. Als sich dann herausstellte, dass er selbst mitgefeiert hatte, zog er sich auf die Position zurück, er habe nicht gemerkt, dass es sich um Partys handelte.