München – Dass ab heute nichts mehr geht, wäre noch kein Grund zur Sorge. Deutschland kennt es schon, dass im Juli die Gas-Pipeline Nord Stream 1 ihren Betrieb einstellt. Jedes Jahr um diese Zeit stehen Wartungsarbeiten an, nach zehn bis 14 Tagen werden die Ventile dann wieder aufgedreht. Ob das aber auch in diesem Jahr wieder so sein wird, ist die entscheidende Frage.
Das Misstrauen ist groß, weil der einst verlässliche Lieferant Russland nun Kriegspartei ist und keinerlei Hemmungen hat, Energie als Waffe einzusetzen. Als der Gazprom-Konzern kürzlich die Versorgung Westeuropas drastisch kürzte und dies mit einer Turbine begründete, die zur Reparatur nach Kanada geschickt worden sei, sah sich der Westen in den schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Nun naht der Moment der Wahrheit.
Die Turbine, an der angeblich alles hängt, kehrt jedenfalls zurück. Die kanadische Regierung erteilte am Samstag eine Sondergenehmigung zur Ausfuhr und begründete sie mit „sehr großen Schwierigkeiten“, die Deutschland andernfalls drohten. Die Ausnahmeerlaubnis war nötig geworden, weil die Lieferung von Ersatzteilen an Russland einen Verstoß gegen die Sanktionen bedeutet. Die Ukraine zeigte sich gestern „zutiefst enttäuscht“ über die Entscheidung Kanadas. Nun macht die Turbine einen Stopp in Deutschland, reist dann weiter nach Russland und kann eingebaut werden. Theoretisch.
In der Praxis weiß niemand, was Russland als Nächstes plant. Es könne sein, dass anschließend mehr Gas fließe, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck im Deutschlandfunk – aber auch, „dass gar nichts mehr ankommt“. Zehn Tage, so lange veranschlagt die Betreibergesellschaft für die Wartung, wird die Ungewissheit anhalten. Ab heute läuft der Countdown.
Zumindest hat der Kreml aber kein Argument mehr, dem Westen anschließend die vollständige Lieferung zu verweigern. Er wird sich an den Worten seines Sprechers Dmitri Peskow messen lassen müssen, eine Rückkehr der Turbine erlaube eine Zunahme der Umfänge. „Die Frage ist nur, warum das nicht gleich so gemacht wurde“, schickte er hinterher.
Bei 63,2 Prozent lag der Füllstand der deutschen Gasspeicher Ende vergangener Woche. Die Zielmarke der Bundesregierung für den Herbst liegt bei 90 Prozent. Aktuell sei die Versorgungssicherheit gesichert, heißt es, aber ernst ist die Lage sehr wohl. Nicht nur wegen der unsicheren Versorgung, sondern auch wegen der Preisentwicklung.
Verbraucherschutzministerin Steffi Lemke (Grüne) kündigte am Wochenende an, Gas- und Stromsperren für private Verbraucher verhindern zu wollen. Sollte die Bundesnetzagentur den Energieversorgern erlauben, die gestiegenen Weltmarktpreise an die Verbraucher weiterzugeben, müsse es ein Moratorium für das Abstellen von Strom und Gas geben, forderte sie in der „Bild am Sonntag“.
Es müsse einerseits sichergestellt werden, dass die Energieversorgung aufrechterhalten bleibe, sagte Lemke. „Und andererseits darf niemandem in solch einer Krisensituation der Strom oder das Gas abgestellt werden, weil er mit einer Rechnung in Verzug ist.“ mit dpa