München – Neulich hatte Ludwig Hartmann einen dieser Auftritte, die im Desaster enden könnten. Der Chef der Grünen-Fraktion, Ministerpräsidenten-Kandidat 2018 und wohl auch 2023, trat als Redner beim Kreisbauerntag Erding auf. Vor 450 Landwirten in einem Bierzelt verteidigte er die grüne Agrarpolitik. Es gab Geraune, Kritik, angespannte Stimmung, phasenweise auch Pfiffe. „Ist es Mut oder ist es die Lust am Untergang?“, schrieb der Erdinger Anzeiger über Hartmanns Auftritt dort im Zelt, wo sonst fast immer nur CSUler und Freie Wähler reden.
Richtige Frage. Die richtige Antwort: weder noch. Es ist Strategie. Hartmann sucht, seit Corona wieder Auftritte erlaubt, weniger die kuschelige Nähe der grünen Ortsvereine. Er und seine Co-Fraktionschefin Katharina Schulze bearbeiten statt dessen systematisch die Politikfelder, auf denen sich die Grünen in Bayern bisher schwertun.
„Wir müssen mehr miteinander reden“, sagt Hartmann also den Bauern in Erding. Und tut das. Der Grüne sucht das Gespräch, fährt zu Höfen, stapft durch Ställe. Oft alleine, manchmal mit Verstärkung. Kein Zufall, dass am Montag der grüne Bundesagrarminister Cem Özdemir zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit einen bayerischen Hof besucht. Hartmann nimmt ihn mit zu einem Schweinemastbetrieb bei Augsburg, zu einem Bauern, der sich einst scharf über die Grünen beschwert hatte.
Die Partei weiß: Bei vielen Landwirten ist ihr Stand nicht gut. Ortstermine sollen Vorbehalte abbauen. Auch der grüne Entwurf für ein Boden-Gesetz, der Bauern weitgreifende Vorkaufsrechte für Flächen geben soll – derzeit in erster Lesung im Landtag –, ist Teil der Charme-Offensive.
Wer genau hinschaut, sieht Ähnliches auf mehreren Politikfeldern, die für die Landesebene wichtig sind. Die letzte grundlegende Umfrage über Partei-Kompetenzen (2019, kurz vor Corona) brachte für die Grünen ernüchternde Zahlen, auf Augenhöhe mit der SPD. Nur sieben Prozent trauen ihnen zu, die Wirtschaft am besten voranzubringen (CSU: 62 Prozent). Innere Sicherheit: nur sechs Prozent (CSU: 61). Bildung: nur 14 Prozent (CSU: 39).
Schulze kümmert sich, seit sie im Landtag ist, ernsthaft um Innenpolitik. Zum G7-Gipfel in Elmau zum Beispiel fuhr sie raus, aber nicht ins Gegnercamp, sondern zu den Polizisten. Statt die schnelle Kritik am letztlich überdimensionierten Riesen-Personaleinsatz abzuspulen, sprach sie über die Beamten: „Kräftezehrend“ sei das gewesen, aber die Polizei habe einen „sicheren und erfolgreichen Gipfel“ ermöglicht.
Auch Wirtschaft und Grüne nähern sich an, hier wird ab und zu Bundesminister Robert Habeck als Zugpferd geholt. Hartmann steht mit ihm wie auch mit Özdemir in engem Kontakt, direkt per SMS – das hilft ein bisschen auszugleichen, dass in der Ampel-Regierung kein Bayer sitzt. Fast alle grünen Landtagsabgeordneten schwärmten außerdem im Juni aus, um einen Tag in Handwerksbetrieben mitzuarbeiten. Für die Staatsregierung schmerzhaft war, als sich die wahrlich nicht linkslastige Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft offen für mehr Windräder aussprach, gegen die von der CSU hochgehaltene 10H-Regel.
Mitunter wagen die Grünen da auch einen grenzwertigen Spagat. Schulze kritisiert die Staatsregierung dafür, dass jüngst Konzerne wie Intel und Tesla ihre Milliarden-Investitionen statt nach Bayern nach Ostdeutschland umlenkten; auch Bayern müsse sich um „Wohlstand und Arbeitsplätze“ kümmern. Hartmann indes war vor Ort in Penzing bei Landsberg einer der großen Kämpfer gegen das Intel-Werk.
Nächstes Feld, das sich die Grünen mit Blick auf die Landtagswahl in 14 Monaten vornehmen wollen: Schule, Kinder, Jugendliche, das Leitthema für die Herbstklausur.
Leitziel der Grünen: Nicht jedermanns Liebling sein, aber zumindest für keine Gruppe unwählbar. Ab Herbst 2023 wollen die Grünen mitregieren, wohl an der Seite der CSU, das hat Hartmann schon offen ausgesprochen. Bei Markus Söder ist das angekommen, er grenzt sich seit diesem Sommer immer schärfer ab: „Berliner Filialisten“ seien Bayerns Grüne nur, sie dächten „ausschließlich norddeutsch“.
Einige der Landwirte haben Hartmann übrigens ausgepfiffen. Aber ihn auch eingeladen, wiederzukommen.