Drohung gegen Kiews Regierung

Lawrows Muskelspielchen

von Redaktion

VON MARCUS MÄCKLER

Aus Sicht des Kreml ist der widerspenstige Wolodymyr Selenskyj eine lebendige Provokation. Darum wundert es nicht, dass Moskau droht, die ukrainische Regierung zu stürzen, zumal die Absicht ja gar nicht neu ist. Schon zu Beginn des Krieges tönte Putin, die Ukraine müsse von den „Nazis“ in Kiew befreit werden. Er ließ Falschnachrichten lancieren, in denen von Selenskyjs Flucht die Rede war, und schickte tschetschenische Bluthunde los, um den Ukrainer zu töten. All das schlug fehl. Ja selbst die Absicht, Kiew dadurch peu à peu zu demoralisieren, scheiterte.

So wirkt es doch ein wenig kurios, dass Putins Chef-„Diplomat“ (wenn man ihn denn noch so nennen will) das Regime-Change-Szenario ausgerechnet jetzt wieder hervorkramt. Die Russen sind längst nicht mehr vor Kiew, der Krieg scheint festgefahren, die schweren US-Waffen bereiten Putins Truppen ernste Probleme. Es dürften Muskelspielchen sein, die Sergej Lawrow, derzeit auf Afrikareise, ausgerechnet dort aufführt, wo sie seiner Ansicht nach besonders beeindrucken. Nicht, dass man die Russen nicht beim Wort nehmen sollte. Bietet sich die Gelegenheit, werden sie Selenskyj und Co. sofort gegen ein Bündel Moskau-Getreuer austauschen. Aber das steht im Moment – und hoffentlich auch in Zukunft – nicht an. Vermutlich versucht Lawrow, den Druck auf Kiew und den Westen wieder zu erhöhen, wie zuletzt ja auch der Weißrusse Lukaschenko, der vom Atomkrieg fantasierte. Die konstante Betonung, Moskau sei im Zweifel zur völligen Eskalation bereit, nutzt bislang vor allem einem: Putin.

Marcus.Maeckler@ovb.net

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