Mission Wiederaufbau

von Redaktion

Faeser und Heil in Kiew: Mitten im Krieg denkt die Ukraine über die Zukunft nach – Deutschland liefert Gepard-Panzer

Kiew/Irpin – Es klingt paradox: Ein Ende des russischen Angriffskrieges in der Ukraine ist nicht absehbar, dennoch ist das Thema Wiederaufbau an diesem Tag im Raum Kiew allgegenwärtig. Als Innenministerin Nancy Faeser und Sozialminister Hubertus Heil (beide SPD) am Mittag den zerstörten Flughafen Hostomel besuchen, sind zwischen ausgebrannten Ruinen und dem Wrack des größten Transportflugzeugs der Welt, der Antonow AN-225, viele Arbeiten im Gange: Minen werden geräumt, Mechaniker versuchen zu retten, was noch zu retten ist.

Eindringlich erzählen die anwesenden Militärs vom Kampf der Nationalgarde gegen die Russen am 24. Februar, als der Krieg an dieser Stelle losging. Inzwischen hat der Katastrophenschutz hier das Heft in der Hand. Doch für die gefährliche Beseitigung der Kriegsmittel fehlt es an geeigneter Ausrüstung. Vom Bürgermeister des Kiewer Vororts Irpin, Olexander Markuschyn, hören Faeser und Heil Ähnliches: 50 Prozent der Stadt seien zerstört, es fehle an Mitteln, die Häuser wiederaufzubauen. Wie im nahen Butscha sollen die Russen auch hier schlimme Kriegsverbrechen begangen haben.

Die Fahrt mit westlichen Politikern durch die zerstörten Vororte von Kiew ist ein Teil der medialen ukrainischen Kriegsführung. Am gleichen Tag wie die deutsche Delegation bekommt auch der Präsident von Guatemala, Alejandro Giammattei, eine Tour durch Butscha, Irpin und Borodjanka. So macht die Ukraine den Rest der Welt zu Augenzeugen des Krieges.

Im Fernsehen gibt der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow zeitgleich bekannt, dass sein Land die ersten Flugabwehrpanzer des Typs Gepard aus Deutschland erhalten habe: „Heute sind offiziell die ersten drei Geparde eingetroffen.“ Dazu seien auch mehrere zehntausend Schuss Munition übergeben worden. Es ist die zweite Lieferung schwerer Waffen aus Deutschland an die Ukraine. Im Juni hatte die Bundesregierung sieben schwere Artilleriegeschütze des Typs Panzerhaubitze 2000 geschickt. Das klingt nach wenig, die Haubitzen sind aber hoch effektiv und helfen, russische Materiallager und Panzer zu zerstören.

Dass in Deutschland immer intensiver darüber debattiert wird, direkt moderne Waffensysteme in die Ukraine zu liefern, weiß natürlich auch Faeser. Danach gefragt, erklärt sie, bei ihren Gesprächen habe die Forderung der Ukraine nach mehr Waffen nicht im Vordergrund gestanden. Man sei aber weiter zu Waffenlieferungen bereit.

So sehr die Ukrainer alle Kräfte brauchen, um sich im Osten und Süden des Landes gegen die Angreifer zu behaupten – zugleich soll im übrigen Land die Infrastruktur „möglichst schnell“ auf Vordermann gebracht werden. Deutsche Hilfe erhofft sich Kiew auch beim Wiederaufbau zerstörter Polizeistationen und Feuerwehren.

Für Faeser und Heil ist es der erste Besuch in der Ukraine seit Beginn des Krieges. Wie andere vor ihnen reisten die beiden mit einem Nachtzug aus Polen an. Im Gepäck hat Faeser die Zusage, sich am Wiederaufbau und an der Lieferung von Hilfsgütern zu beteiligen, etwa Stromgeneratoren und eine Drohne zur Luftaufklärung.

In Faesers Gesprächen mit ihrem Amtskollegen Denys Monastyrskyj geht es aber auch um Möglichkeiten, wie deutsche Behörden den Ukrainern bei der Cybersicherheit, der Bekämpfung von Waffenschmuggel und der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen helfen können.

Auch bei den Gesprächen von Heil geht es um die Zukunft der Ukraine. So fragten Vizeregierungschefin und Wirtschaftsministerin Julia Swyrydenko sowie Sozialministerin Oxana Scholnowytsch dem Vernehmen nach auch nach Hilfe beim Aufbau von Verwaltungsstrukturen bis hin zum Kurzarbeitergeld. Was stets mitschwingt: Die Sorge der Ukraine, dass Fachkräfte, die aus dem Land geflüchtet sind, nicht zurückkommen, um im Wiederaufbau zu helfen. Laut Umfragen unter Flüchtlingen wollen zwei Drittel vorerst nicht heimkehren, ihr Anteil dürfte mit dem Fortdauern des Konflikts steigen. Heil versucht zu beruhigen: Alle würden „so lange Schutz genießen, wie sie ihn brauchen. Die Allermeisten wollen aber schnell zurück.“ M. HADEM, A. STEIN

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