Zank um den leeren Riesenspeicher

von Redaktion

VON KLAUS RIMPEL

München – Es rumpelt immer lauter zwischen Bayern und Österreich. Jetzt wird auch der Gas-Speicher Haidach zur Belastung im Verhältnis der Nachbarn. Wer zapft das unterirdische Lager auf österreichischer Flur an? Und ist überhaupt schon was drin?

Die Bundesregierung in Wien hat per Interview mitgeteilt, man wolle selbst auf den Gasspeicher bei Salzburg zugreifen. „Wir haben beschlossen, dass alle Gasspeicher auf österreichischem Staatsgebiet an unser Netz angeschlossen werden müssen“, sagte die österreichische Klimaschutz- und Energieministerin Leonore Gewessler der „SZ“. Haidach war bisher nur an das deutsche Gasnetz angeschlossen und versorgt vor allem Bayerns Haushalte und Industrieunternehmen mit Gas.

Man wolle nichts wegnehmen und habe sich immer verständigt, wird aus Wien nachgeschoben. Doch wenig entspannt zeigt sich Ministerpräsident Markus Söder (CSU): Er sehe die Entwicklungen in Haidach mit großer Sorge, sagte er unserer Zeitung. Europäische Solidarität sei wichtig. „Aber wenn es wirklich knapp mit dem Gas wird, kann die Solidarität schnell auf eine harte Probe gestellt werden. Daher braucht es klare und verlässliche Regeln und Verträge zwischen Wien und Berlin.“ Der Ministerpräsident forderte die Bundesregierung auf, die Vereinbarung zwischen Wien und Berlin zu Haidach transparent zu machen.

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) zeigt Verständnis dafür, dass Österreich auch direkt auf den Speicher zugreifen können wolle. „Tirol und Vorarlberg werden über Bayern versorgt. Wir müssen also unsere Gasversorgung ohnehin gemeinsam denken“, sagt Aiwanger.

Deutschland und Österreich hatten jüngst bei einem Besuch von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ein Rahmenpapier zur Energie unterzeichnet. Österreich hat große unterirdische Erdgasspeicher. Mit 95 Terawattstunden kann in den ehemaligen Erdgasförderstätten die für ein Jahr benötigte Gasmenge gespeichert werden. Die deutschen Gasspeicher reichen hingegen nur für ein Viertel der benötigten Jahresmenge.

Der Speicher Haidach ist ein Gemeinschaftsprojekt der österreichischen RAG mit den Gazprom-Töchtern Astora und GSA sowie dem deutschen Gashandelsunternehmen Wingas. Das Drittel des Speichers, das Astora vermarktet, wurde inzwischen unter die Aufsicht der Bundesnetzagentur gestellt. Nahezu leer blieb jedoch zuletzt der Speicherteil der Gazprom GSA – die ihren Sitz in Moskau hat, aber in Haidach operiert. Damit hat die Bundesnetzagentur und auch die österreichische Regierung bislang keinen Zugriff auf ihre Kapazitäten. Das will Österreich jetzt offenbar ändern.

Im Speicher Haidach können rund 2,9 Milliarden Kubikmeter Erdgas gebunkert werden, was ihn zum zweitgrößten Speicher Mitteleuropas macht. Österreich hat seine Speicher bislang nur zu 50,85 Prozent gefüllt, Deutschland immerhin zu 65,9 Prozent. Die fünf bayerischen Speicher sind laut Aiwanger zu 59,6 Prozent gefüllt – 3,4 Prozent mehr als noch vor einer Woche. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hält das Ziel eines Gasspeicher-Füllstands von 90 oder 95 Prozent zum 1. November inzwischen für unrealistisch. Wenn es dabei bleibe, dass durch die Gaspipeline Nord Stream 1 rund 40 Prozent der Lieferkapazität fließe, seien im besten Fall 80 bis 85 Prozent zu erreichen.

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