Kabul – Als die Taliban die Macht übernahmen, musste Caritas-Büroleiter Stefan Recker Afghanistan verlassen. Doch er kehrte bald zurück. Im Gespräch berichtet er, was sich verändert hat und welche Erfahrungen er mit den Taliban macht.
Herr Recker, vor einem Jahr mussten Sie Afghanistan verlassen. Wie haben Sie das erlebt?
Am 17. August habe ich aufgrund einer Dienstanweisung das Land verlassen, mich zum Flughafen durchgekämpft. Es war wie auf den Fernsehbildern. Mit einer Bundeswehr-Maschine bin ich zusammen mit 130 anderen Menschen nach Taschkent geflogen worden. Von dort aus ging es mit Lufthansa nach Frankfurt.
Was ist mit Ihren Mitarbeitern vor Ort geschehen?
Alle unsere Ortskräfte, die sich dafür entschieden haben, sind mittlerweile in Deutschland. Bei manchen hat es allerdings gedauert, sie saßen lange in Pakistan fest.
Wann sind Sie nach Afghanistan zurückgekehrt?
Am 30. Dezember. Ich wollte zurückkommen und will bleiben. Alle Hilfsorganisationen sind weiter vor Ort.
Wie hatte sich das Land bei Ihrer Rückkehr verändert?
Die Stimmung war eine andere, es gab weniger Verkehr, weniger Angebote in den Geschäften. Die meisten Frauen trugen bis Februar noch normale Kleidung, ab März waren mehr Burkas zu sehen. Aber auch jetzt gibt es in Kabul noch Frauen, die keine tragen. Die größten Veränderungen sind die wirtschaftliche Situation und die Einschränkungen der Bildung für Frauen und Mädchen.
Wie sieht das konkret aus?
Mädchen dürfen in die Grundschule gehen, also etwa bis zum 12. Lebensjahr. Weiterführende Schulen gibt es für sie nicht, interessanterweise dürfen sie noch in die Universitäten. Ich gehe davon aus, dass sie ohne Abiturmöglichkeit langfristig die Unis von Studentinnen „austrocknen“ wollen.
Wie ist derzeit die Versorgungslage?
Katastrophal. Ich war in Sierra Leone und Burundi während der Kriege dort, in Haiti nach dem Erdbeben. Aber eine Situation wie hier habe ich nicht erlebt. Es gibt keine Krise der Verfügbarkeit von Lebensmitteln, sondern eine Krise der Kaufkraft. Man sieht keine Menschen mit vor Hunger aufgeblähten Bäuchen. Aber weil sie unterernährt sind, sterben sie an einfachen Krankheiten wie Erkältungen.
Wie versucht die Caritas, den Menschen zu helfen?
Neben unseren Projekten im sozialen Bereich, wo wir uns etwa um Drogenabhängige, Minenopfer sowie um die Belange von Frauen und Kindern kümmern, helfen wir verstärkt im humanitären Bereich und verteilen über unsere Partner Bargeld an Hilfsbedürftige, damit diese sich auf den Märkten mit dem Nötigsten eindecken können.
Ist die Arbeit für Sie schwieriger geworden?
Es war nie ein Vergnügen mit den Autoritäten hier in Afghanistan – auch mit der Vorgängerregierung nicht. Sie wollten immer unsere Arbeit kontrollieren. Die Taliban haben diese Kontrolle noch verschärft. Zur Bürokratie-Affinität kommt jetzt noch eine gehörige Portion Inkompetenz hinzu.
Wie beurteilen Sie denn mit etwas Abstand das Verhalten des Westens in Afghanistan?
Ich bin kein Politikwissenschaftler – und im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber der Westen hat Fehler gemacht. Viel zu oft wurde der afghanischen Regierung Geld gegeben, ohne daran Bedingungen zu knüpfen. Dieses Geld ist zum Großteil irgendwo versickert, die Korruption wurde angefeuert.
Ist es frustrierend für Sie zu sehen, was aus Afghanistan geworden ist?
Vieles, was in den vergangenen 20 Jahren im Zivilrecht und bei den Frauenrechten aufgebaut wurde, ist kaputtgegangen. Und das lässt sich so leicht nicht wiederherstellen. Die Konzepte aus dem Westen sind verbrannt.
Wird China künftig in Afghanistan eine größere Rolle spielen?
Die Chinesen wollen hier Fuß fassen, investieren, Präsenz zeigen. Vorhin am Flughafen sah ich ein großes Schild, dass sie hier ein komplett neues Stadtviertel bauen. Ich finde es allerdings seltsam, dass die islamischen Taliban Hilfe von den Chinesen annehmen, die in China die muslimischen Uiguren unterdrücken.
Hat sich Ihr Sicherheitsgefühl verändert?
Es hat sich verschoben. Ich habe mir früher wegen der Anschläge der Taliban viele Sorgen um Kollegen gemacht, die hierher pendeln. Jetzt gibt es zwar einige Anschläge gegen die Taliban, aber die Gefahr ist insgesamt geringer. Dafür macht mir Sorgen, dass unsere Mitarbeiterinnen Patrouillen Rede und Antwort stehen müssen, weil sie zur Arbeit gehen. Die Taliban sind heute sehr zersplittert. Je nachdem, wen man da am Kontrollpunkt erwischt, kann es Ärger geben. Unser Büro wurde kürzlich von den Taliban durchsucht. Sie wollten wissen, ob hier Waffen von der früheren Regierung sind. Aber sie waren sehr höflich.
Interview: Pia Rolfs
Zur Person
Stefan Recker leitet seit 2014 die Vertretung von Caritas International in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der 57-Jährige hat seit 1995 mehr als 17 Jahre in dem Land gelebt und gearbeitet. Auch in Haiti, Kirgistan oder Sierra Leone war er unter anderem als Entwicklungshelfer tätig.