Als die Queen München verzauberte

von Redaktion

VON DIRK WALTER UND CARINA ZIMNIOK

München – Mai 1965, es ist eine andere Welt damals. Vietnam-Krieg, Kalter Krieg. Als Neuheit kommt in jenen Tagen der „Opel Rekord“ auf den Markt. In Deutschland regiert Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU), in Bayern Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU), in München Hans-Jochen Vogel (SPD), damals 39 Jahre alt. Vogel, ein überzeugter Demokrat, wie er selbst sagt, verneigt sich damals vor einer gleichaltrigen, eleganten Dame: vor der britischen Königin. „Man hat natürlich Majestät gesagt“, erinnerte sich Vogel später. „In einem solchen Fall gehörte sich diese Anrede einfach.“

Deutschland huldigt einer Königin. Ab dem 18. Mai 1965 tourt Elizabeth II. elf Tage lang durch die Republik. Die Queen reist in einem Sonderzug, am 21. Mai kommt sie für einen Tag nach München. Dass es in Passau gerade ein Rekord-Hochwasser gibt, wird in der Zeitung zur Randnotiz.

Die Queen besichtigt Deutschland und lässt nichts aus. Romantische Rheinfahrt, Stahlwerk-Besichtigung in Duisburg, die Mauer in Berlin. 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Queen-Besuch auch ein Symbol: Deutschland ist wieder im Kreis der souveränen Staaten aufgenommen.

Der „Münchner Merkur“ entsendet einen Sonderberichterstatter: elf Tage gibt es Queen-Berichte auf Seite 3. Ihm entgeht nichts – beim Besuch des Verwandten Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein serviert man Möweneier und gebratene Täubchen, notiert er indigniert.

In München kommen Eli-zabeth II. und Prinz Philip um 10 Uhr an. Gleis 11, Ministerpräsident Goppel überreicht einen Strauß Teerosen, die Münchner wedeln mit englischen Fähnchen, die Polizei steht Spalier – und leistet sich gleich einen kleinen Fauxpas. Denn gespielt wird neben der englischen und der deutschen Nationalhymne auch die Bayernhymne. Protokollwidrig – Bundespräsident Heinrich Lübke soll „not amused“ gewesen sein.

Hunderttausende Münch-ner säumen an jenem sonni-gen Mai-Tag den Straßen-rand. Sie drängeln, stellen sich auf Zehenspitzen, um zu sehen, wie Elizabeth II. neben Goppel aus der offenen Mercedes-Stretch-Limousine winkt. Die Queen absolviert ein dicht gedrängtes Programm: Residenz, Alte Pinakothek, Cuvilliés-Theater, Porzellanmanufaktur. Im Garten von Schloss Nymphenburg zeigt die Olympia-Equipe zu Pferd ein Dressurprogramm. Dann geht es noch rasch auf einen Earl Grey, extra von der Insel importiert, zum Wittelsbacher-Herzog Albrecht von Bayern und seiner Gattin Maria.

Irgendwann gerät der Zeit-plan ins Rutschen. Goppels Staatskanzlei meldet sich bei Oberbürgermeister Vogel. Ob der nicht mit dem Goldenen Buch, in dem sich die Queen eintragen soll, in die Staats-kanzlei kommen könne. „Ne-ver ever“, antwortet Vogel. Der Termin im Rathaus findet wie geplant statt.

Höhepunkt ist am Abend ein Opernbesuch. Elisabeth erscheint „im dekolletierten Abendkleid ohne Ärmel aus weißem Organza über leuch-tendem Azaleenrosa mit an-liegendem Mieder und leicht angekraustem Rock“. Es gibt den „Rosenkavalier“. Die Sänger und Sängerinnen – darunter Erika Köth – huldigen der Queen. Der Sonderzug fährt erst um Mitternacht wieder ab, Richtung Schloss Salem. Die Besichtigungstour durch Deutschland absolviert die Queen souverän. „Sie erfüllte ihre Pflichten mit einer Unermüdlichkeit, die Bewunderung verdient“, urteilt ein Kommentator im Merkur. Erst am 28. Mai verlässt die Königin auf ihrer Jacht „Britannia“ den Hamburger Hafen. Per Telegramm bedankt sie sich bei Bayern, bei Goppel für „die Liebenswürdigkeit Ihrer Bürger“. Unterzeichnet: Elizabeth.

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