München – Frauen verbrennen unter Jubel ihre Kopftücher oder schneiden sich mitten in der Öffentlichkeit die Haare ab. Szenen wie diese sind momentan in verschiedenen Städten des Irans zu beobachten. Der Grund ist ein trauriger:
Die 22-jährige Kurdin Mahsa Amini ist vergangene Woche Dienstag in Gewahrsam der sogenannten Sittenpolizei gestorben. Zuvor wurde sie wegen ihren „unislamischen Outfits“ festgenommen – anscheinend saß ihr Kopftuch nicht richtig. Laut Polizeiaussagen ist Amini wegen eines Herzversagens ins Koma gefallen und anschließend am Freitag gestorben. Viele Iraner glauben jedoch, dass Polizeigewalt die Ursache des Komas und ihres Tods waren. Die Klinik, in welche Amini eingeliefert wurde, schrieb in einem inzwischen gelöschten Instagrampost, dass die Kurdin schon bei der Aufnahme hirntot gewesen sei.
Seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 gelten im Iran strenge Kleidungsvorschriften. Insbesondere in den Metropolen sehen viele Frauen die Regeln inzwischen aber eher locker und tragen beispielsweise ihr Kopftuch nur auf dem Hinterkopf. Religiöse Hardliner im Parlament versuchen seit Monaten, die islamischen Gesetze strenger anwenden zu lassen. Auch mithilfe der Sittenpolizei, die teilweise Gewalt einsetzt. Das ist auch der Vorwurf im Fall von Aminis Tod.
Deshalb gehen im ganzen Land Männer und Frauen auf die Straße. Sie fordern nicht nur Gerechtigkeit für Amini, sondern auch eine grundsätzliche politische Reform. In einem Video rufen Studierende vor der Schahid-Beheshti-Universität in Teheran: „Khamenei, du bist ein Mörder, dein Führungsanspruch ist annulliert!“ In anderen Videos ist auch „Tod dem Diktator!“ zu hören. Gemeint ist in beiden Fällen der oberste iranische Führer Ayatollah Ali Khamenei. Auch die iranische Zentralbank hat es erwischt: Sie war Ziel eines Cyberangriffs. Die Hackergruppe „Anonymous“ hat sich zu diesem IT-Angriff bekannt. Inzwischen ist die Webseite der Bank jedoch wieder erreichbar.
Die Polizei geht teils mit Schlagstöcken und Wasserwerfern gegen die Demonstrierenden vor. Dabei kamen laut Behörden bislang acht Menschen ums Leben. Die Regierung schränkte auch den Internetzugang massiv ein. Mobile Netzwerke seien „weitgehend abgeschaltet“, berichtete die Organisation Netblocks gestern – wahrscheinlich um die Aufstände zu unterdrücken.
„Ein Gesetz, das die Mehrheit der Gesellschaft nicht befolgt, muss revidiert werden“, sagte nun der ehemalige Bürgermeister von Teheran, Gholam Hussein Karbastschi, im Bezug auf die Kleidungsregeln. Sogar der Enkel des Revolutionsgründers Ajatollah Ruhollah Chomeini äußerte Kritik.
Dass es schon bald zu wesentlichen Veränderungen im Iran kommen wird, ist jedoch unwahrscheinlich. Viele rechnen damit, das auch dieser Aufstand, wie schon viele zuvor, gewaltvoll beendet wird. Dennoch ist der Protest das deutlichste Zeichen seit Langem. „Wir kämpfen, wir sterben, wir werden uns den Iran zurückholen“, skandieren die Demonstranten. Sie werden wohl noch eine Menge Ausdauer brauchen.