US-Experte: Darum wird Putin keine Atomwaffen einsetzen

von Redaktion

Machtkampf im Kreml: Renommierter Historiker entwirft ein Szenario für ein mögliches Ende des Ukraine-Krieges

München – Wladimir Putin wird keine Atomwaffen im Ukraine-Krieg einsetzen. Und der Kreml-Chef wird seine Truppen aus der Ukraine zurückziehen, um in Russland seine eigene Macht zu retten – gegen mögliche Aufstände durch die Privatarmee der „Gruppe Wagner“ und den von Moskau unabhängigen Tschetschenen-Milizen von Ramsan Kadyrow.

Mit diesen Thesen über das mögliche Ende des Ukraine-Krieges sorgt der renommierte US-Historiker Timothy Snyder derzeit für großes Aufsehen. Der Professor an der Yale-University, der mit dem Buch „Bloodlands“ über Hitlers und Stalins Massenmorde auch über Wissenschaftskreise hinaus bekannt wurde, begründete seine Thesen in seinem Internet-Blog damit, dass die derzeitigen militärischen Erfolge der Ukraine die russische Innenpolitik inzwischen massiv beeinflussen. „Was zählt, ist der Machterhalt in Moskau, und das bedeutet nicht unbedingt, dass Putin sich in der Ukraine weiteren Risiken aussetzt“, glaubt Snyder.

Bislang habe Putin nämlich nach dem Prinzip regiert: „Was im Fernsehen passiert, ist wichtiger als die Realität. Und was im Ausland passiert, ist wichtiger als das, was zu Hause vor sich geht.“ Nun sei aber die Realität des Kriegs bei den Russen angekommen, und sie sind in heller Panik, so Snyder.

Vor dem Hintergrund dieser Stimmung in der russischen Bevölkerung könne Putin keine russischen Soldaten in durch Atombomben verstrahlte Gebiete schicken: „Würde der Kreml wirklich Nuklearwaffen auf Gebiet einsetzen, von dem er behauptet, es sei russisch, und die Menschen töten und verstrahlen, von denen er behauptet, sie seien russische Staatsbürger?“

Zudem würden taktische Atomwaffen Moskau keinen militärischen Vorteil bringen, da die stark dezentralisierte Kriegsführung der Ukraine keine klaren Ziele bieten. Ein atomarer Angriff würde Putin nicht den Sieg bringen, sondern im Gegenteil „machtvolle Antworten anderer Staaten“ wie den USA auslösen und ihn weltweit isolieren.

Die sich abzeichnende militärische Niederlage der Russen in der Ukraine werde in Moskau einen Machtkampf auslösen – und um selbst politisch zu überleben, werde Putin dafür seinen Traum von der Eroberung der Ukraine beerdigen, glaubt Snyder.

Denn zu Hause in Moskau muss er fürchten, dass es zu einem Putsch gegen ihn kommt. Erste Anzeichen dafür gebe es bereits, so Snyder.

Jewgenij Prigoschin, der Gründer der Söldner-Gruppe Wagner, und Tschetschenen-Führer Kadyrow kritisieren die russische Militär-Führung offen. Prigoschin rekrutiert derzeit russische Häftlinge für den Ukraine-Krieg. Snyder glaubt, dass Prigoschin diese Häftlinge als Kanonenfutter in die Ukraine schickt, während er seine gut ausgebildeten Söldner und Material schont für einen möglichen Machtkampf in Russland. Auch die reguläre russische Armee werde laut Snyder in diese Logik verfallen: Kommandeure werden sich zurückziehen wollen, um zu halten, was sie noch haben.

Für alle betroffenen russischen Akteure sei es schlimm, in der Ukraine zu verlieren – aber noch schlimmer, in Russland zu verlieren.

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