Flammen im Folter-Gefängnis

von Redaktion

Teheran/Berlin – Als die junge iranische Kurdin Mahsa Amini vor einem Monat in einem Krankenhaus in Teheran um ihr Leben ringt, geht ein Foto um die Welt. Angeschlossen an einen Beatmungsschlauch liegt die 22-Jährige mit ihren schwarzen Locken auf der Intensivstation. „Und dann war sie tot“, erinnert sich die Medizinstudentin Mahnas an einem Herbsttag an Amini, die wie keine andere Iranerin zum Symbol der landesweiten Proteste geworden ist.

„Das, was Mahsa passiert ist, kann uns allen jungen Frauen hier passieren“, erzählt Studentin Mahnas in der Hauptstadt. Wie Tausende andere Frauen geht sie derzeit immer wieder auf die Straßen, nicht nur aus Protest gegen islamische Kleidervorschriften. „Es geht hier um unser Leben.“ Wenn die 23-Jährige an die Proteste denkt, macht sich auch Wut breit. „Wir waren ja eigentlich ganz friedlich, sind es auch weiterhin. Aber wenn sie uns zusammenschlagen, dann schlagen wir zurück.“

Seit vier Wochen reißen die Proteste im Land nicht ab. Sie haben sich wie ein Lauffeuer im gesamten Land ausgebreitet. Sie sind zu einem Belastungstest für das gesamte Herrschaftssystem der Islamischen Republik geworden. Damit immer weniger Informationen nach außen dringen und die Protestierenden sich nicht untereinander verständigen können, schränkt die iranische Führung die Nutzung des Internets ein.

Besonders große Sorgen bereitet Menschenrechtlern wie auch Demonstranten die Lage in den Haftanstalten. Das berüchtigte Ewin-Gefängnis in der Hauptstadt Teheran stand am Wochenende infolge eines gewaltsamen Aufstands in Flammen. Mindestens vier Inhaftierte sollen unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen sein. Dutzende weitere seien verletzt worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Irna. Augenzeugen berichteten, dass am Samstagabend zunächst laute Explosionen und auch Schüsse in der Haftanstalt zu hören waren. Demnach soll das Feuer bis Mitternacht gebrannt haben, bis in den frühen Morgen stieg Rauch auf.

Das Gefängnis im Norden Teherans gilt landesweit als der Ort für Misshandlung und Folter von insbesondere politischen Gefangenen. Auch Demonstranten sind dort wegen ihrer Teilnahme an den systemkritischen Protesten der vergangenen Wochen inhaftiert, ebenso Doppelstaatler. Die USA haben das Gefängnis und seine Leitung 2018 wegen „ernster Menschenrechtsverletzungen“ mit Sanktionen belegt.

Was genau in Teherans berüchtigter Haftanstalt geschah, lässt sich nicht unabhängig verifizieren, ebenso tausendfach geteilte Videos in den sozialen Medien, die chaotische Bilder rund um die Anstalt zeigten.

Die staatliche Agentur Irna berichtete am Samstagabend zunächst von einer Auseinandersetzung zwischen „Hooligans und Randalierern“ mit den Gefängniswärtern. Das Textillager der Anstalt sei in Brand gesteckt worden. Kritiker im Ausland warnten vor einem Blutbad in dem Gefängnis. „Die Inhaftierten, darunter zahllose politische Gefangene, sind in diesem Gefängnis völlig schutzlos“, sagte Hadi Ghaemi, Geschäftsführer der in New York ansässigen Menschenrechtsorganisation Center for Human Rights in Iran. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) erklärte, die deutsche Botschaft sei wegen des Brands in ununterbrochenem Kontakt mit den Behörden. Die USA äußerten sich besorgt. „Wir verfolgen die Berichte aus dem Ewin-Gefängnis mit großer Dringlichkeit“, schrieb ein Sprecher des US-Außenministeriums.

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