„Putins Koch“ wird immer mächtiger

von Redaktion

VON KLAUS RIMPEL

München – Wladimir Putin schwingt bei seinen Rechtfertigungen für den Überfall auf die Ukraine gerne die ganz große historische Keule. Jetzt muss die glorreiche Historie des Zaren-Reichs dafür herhalten, die drohende militärische Niederlage in Cherson dem Volk zu verkaufen.

Der russischsprachigen Internetzeitung „Meduza“, die ihren Sitz in Lettland hat, wurden aus dem Kreml Dokumente zugespielt, die zeigen, wie die russische Öffentlichkeit auf die drohende Niederlage in Cherson vorbereitet werden soll. So soll die Propaganda auf die Schlacht bei Poltawa am 8. Juli 1709 verweisen, als Zar Peter der Große die Schweden unter Karl XII. besiegte – nachdem die Russen sich nach vorhergehenden Niederlagen zurückziehen mussten. Die Botschaft an das heutige Publikum: Wenn russische Truppen sich zurückziehen, dann aus taktischen Gründen, um später umso entschiedener zuschlagen zu können.

Als weitere Argumentationslinie für die Propaganda, die militärische Misserfolge schönreden soll, dienen angebliche humanitäre Gründe: Putin wolle ein „massives Blutvergießen“ unter seinen Soldaten verhindern. Denn die Ukraine wolle Cherson in eine Falle für russische Soldaten verwandeln und zehntausende Menschen töten.

So plane die ukrainische Armee, den Kachovka-Staudamm bei Cherson zu sprengen – eine Verdrehung der Tatsachen, denn laut Kiew haben die russischen Besatzer den Staudamm vermint. Dass die Ukraine selbst einen Damm sprengt, der bis zu 80 ukrainische Ortschaften überschwemmen und die eigene Bevölkerung töten würde, wäre tatsächlich ziemlich unglaubwürdig.

Mit all den argumentativen Verrenkungen versucht der Kreml nicht nur, der drohenden Kriegsmüdigkeit der russischen Bevölkerung zu entgegnen. Hauptziel ist auch, der immer aggressiveren Kritik rechtsnationalistischer Kräfte am russischen Militär zu begegnen. Denn Putin ist klar, dass das Versagen der russischen Armee auch ihm persönlich angelastet werden könnte. Der scheinbar so allmächtige Kreml-Herrscher wirkt zunehmend wie ein Getriebener.

Auffällig ist dabei, mit welch unverhohlenem Machtanspruch mittlerweile der Mann auftritt, der einst als „Putins Koch“ verharmlost wurde: Jewgeni Prigoschin, der sich bis vor Kurzem völlig im Hintergrund gehalten hatte, gab erst im September öffentlich zu, der Gründer der berüchtigten Söldner-Gruppe Wagner zu sein. Seither tritt der 61-Jährige, der als Gastronomie-Unternehmer reich wurde, so offensiv auf, als ob er sich als kommender starker Mann Russlands inszenieren wollte. Am vergangenen Freitag eröffnete er in Sankt Petersburg sein erstes offizielles Hauptquartier: einen 22 Stockwerke großen Bürokomplex in der Stadt, dessen Gouverneur Alexander Beglow Prigoschin offen bekämpft. Den Gouverneur von St. Petersburg hat Prigoschin nun sogar wegen „Korruption und Gründung einer kriminellen Vereinigung“ angezeigt – auch dies ein Hinweis darauf, dass Putins einstiger „Schattenmann“ sich heute sehr, sehr mächtig fühlt.

Aufgabe des Wagner-Zentrums sei es, „ein komfortables Umfeld für die Entwicklung neuer Ideen zur Verbesserung der russischen Verteidigungsfähigkeit zu schaffen“, ließ Prigoschin erklären. Was als weiterer Seitenhieb gegen die russische Armee verstanden werden kann, die er zuvor zusammen mit Tschetschenen-Führer Kadyrow wiederholt offen kritisiert hatte.

Am Montag legte der einst so zurückhaltende Prigoschin mit dem überraschenden Geständnis nach, sich in die US-Wahlen einzumischen: „Wir haben uns eingemischt, wir tun es und wir werden es weiter tun“, so Prigoschin, der neben seiner Privat-Armee auch eine „Troll-Fabrik“ betreibt, mit der er seit Jahren die Stimmung in westlichen Staaten per Internet beeinflusst. Noch steht Prigoschin loyal zu Putin – aber er scheint längst seine eigene Agenda zu verfolgen.

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