US-General: Chance für Kriegsende

von Redaktion

VON KLAUS RIMPEL

New York– Solche Töne hat man bisher noch nie von US-amerikanischer Seite gehört: Der US-General Mark Milley sagte bei einer Rede in New York, möglicherweise könnten weder die Ukraine noch Russland militärisch siegen. Es sei daher erforderlich, sich „nach anderen Mitteln“ umzusehen – sprich: Gespräche zu führen, um den Krieg zu beenden.

Sollten sich die Frontlinien während des Winters stabilisieren, könnte es möglicherweise eine Chance geben, ein Ende des Konflikts auszuhandeln. Falls sich eine solche Gelegenheit ergebe, müsse sie genutzt werden, so Milley in seiner Rede in der Denkfabrik „The Economic Club of New York“. Sollten Verhandlungen aber nicht zustande kommen oder scheitern, würden die USA die Ukraine weiter mit Waffen versorgen.

Erstmals nannte der US-General auch Zahlen über die Opfer auf beiden Seiten: „Sie haben es mit weit mehr als 100 000 getöteten und verletzten russischen Soldaten zu tun“, sagte Mark Milley. Gleiches gelte „wahrscheinlich für die ukrainische Seite“. Zudem seien seit Beginn der russischen Invasion im Februar bis zu 40 000 ukrainische Zivilisten in dem Konflikt ums Leben gekommen.

Als nach Wladimir Putins Überfall auf die Ukraine die diplomatischen Kanäle zwischen Washington und Moskau abbrachen, war der US-Generalstabschef der Mann, der mit dem russischen Generalstabschef Waleri Gerassimow weiter Kontakt hielt, um etwa die Sorgen vor einem Atomwaffeneinsatz zu besprechen.

Das US-Magazin „Politico“ schrieb schon Ende Februar, „die Sache mit Milley und Gerassimow“ würde im Pentagon als wichtiger denn je bewertet. Die Beziehung sei nützlich, „um Fehleinschätzungen und Fehltritte zu vermeiden“, da es in solchen Krisen-Situationen eben oft an Kommunikation auf oberster Ebene mangele, so ein Beamter des US-Verteidigungsministeriums.

Der Einfluss Washingtons auf die ukrainische Regierung ist groß, da der Löwenanteil der finanziellen und militärischen Hilfe für das Land aus den USA kommt.

Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj weiß, dass es für US-Präsident Joe Biden angesichts der neuen republikanischen Mehrheit im US-Repräsentantenhaus schwieriger wird, Gelder für die Ukraine-Hilfe bewilligt zu bekommen. Doch gleichzeitig wird Selenskyj angesichts des sich abzeichnenden militärischen Erfolgs in Cherson derzeit wenig Bereitschaft haben, Moskau Zugeständnisse zu machen. Und auch aus dem Kreml gibt es bislang keinerlei Anzeichen, eine Verhandlungslösung zu suchen.

Im Gegenteil: Auch gestern ließ Putin wieder ukrainische Städte wie Selenskyjs Geburtsort Kriwyj Rih bombardieren – auch mit völkerrechtlich eigentlich verbotener Streumunition.

Selenskyj verwies darauf, dass der Rückzug der russischen Besatzer in erster Linie den Erfolgen der ukrainischen Streitkräfte zu verdanken sei: „Der Feind macht uns keine Geschenke, macht keine Gesten des guten Willens.“ Die ukrainische Armee bleibt dabei vorsichtig, denn der Cherson-Rückzug könnte auch eine tödliche Falle sein. Selenskyj warnte Moskau davor, den Befehl zum Sprengen des Kachowka-Staudamms oberhalb von Cherson oder zur Beschädigung des Atomkraftwerk Saporischschja zu geben.

Um die Rückeroberung der von Moskau aufgegebenen Stadt Cherson für die Ukraine zu erschweren, sollen russische Truppen nach Einschätzung britischer Geheimdienste Brücken zerstört und mutmaßlich auch Minen gelegt haben. Zudem werde der Rückzug von Artilleriefeuer gedeckt.

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