„Bei Empathie hat Merz Nachholbedarf“

von Redaktion

Berlin – Nach zehn Jahren in der Wirtschaft ist Friedrich Merz zurück auf der großen politischen Bühne – und hat damit ein in der Geschichte der Bundesrepublik einmaliges Comeback hingelegt. Das zumindest meinen die Journalisten Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart. Sie haben ein durchaus wohlwollendes Buch („Der Unbeugsame“) über Friedrich Merz geschrieben. Beim Interview in einem Café in Berlin-Charlottenburg sagt das Autorenduo aber auch, warum sich der CDU-Chef mit seinen Auftritten oft keinen Gefallen tut.

Frau Falke-Ischinger, Herr Goffart, seit Januar steht Friedrich Merz an der Spitze der CDU. Der große Aufbruch ist aber ausgeblieben. Warum?

Jutta Falke-Ischinger: Die CDU steht heute besser da als vor einem Jahr. Jedenfalls in den Umfragen – da ist sie stärkste Partei. Man darf nicht vergessen: Die CDU hat zuletzt in einem Tempo Parteivorsitzende verschlissen, wie man es nur von der SPD kannte. Daniel Goffart: Es ist die Aufgabe von Friedrich Merz, die Trümmer der verlorenen Wahl beiseitezuräumen und danach etwas Neues aufzubauen. Natürlich sind 28 Prozent in den Umfragen nicht gut. Mehr ist im Moment aber nicht drin.

Was sagt es über die CDU aus, wenn sie in Merz mit 66 Jahren nun den Hoffnungsträger sieht?

Goffart: Wer Merz kennt und mit ihm schon mal durch seinen bergigen Wahlkreis Fahrrad gefahren ist, der weiß, dass er topfit ist. Fitter als manche 50-Jährige. Und sicherlich fitter als andere und jüngere Parteivorsitzende. Das Alter ist bloß eine Zahl, man sollte seine Eignung daran nicht festmachen.

Friedrich Merz gilt als konservativ und marktliberal. Wofür steht er?

Goffart: Er ist nicht so konservativ, wie es ihm angedichtet wird. Das ist deutlich zu spüren, wenn man mit ihm über die Politikfelder redet, die er reformieren will. Er hat Ideen. Eine der größten sozialpolitischen Herausforderungen sieht er darin, die Rente armutsfest zu machen. Dafür will Merz die betriebliche und private Altersvorsorge stärken – und so auf dem sozialen Feld punkten. Unbestreitbar ist zudem sein wirtschaftspolitischer Sachverstand. Was ihn bei Themen wie Vermögensbildung und Altersvorsorge aber gelegentlich einholt, ist seine frühere Tätigkeit für den US-Vermögensverwalter Blackrock, obwohl dieses Misstrauen durch nichts gedeckt ist.

Nicht gerade förderlich fürs Image war sicher auch die Anreise zur ohnehin pompösen Hochzeit von Christian Lindner auf Sylt. Friedrich Merz kam mit dem Privatflugzeug. Fehlt dem CDU-Chef das Fingerspitzengefühl?

Falke-Ischinger: Er hat noch nicht begriffen, wie stark die Macht der Bilder wirkt. Es reicht nicht, zu sagen: Mein Flugzeug ist sparsam im Verbrauch, also mache ich das. Zur Bodenhaftung gehört auch, zu erkennen, wie das auf die Menschen wirkt. Da war er schlecht beraten – wenn er es überhaupt war.

Ist das womöglich das größte Problem von Friedrich Merz: die fehlende Bodenhaftung?

Falke-Ischinger: Beim Thema Fingerspitzengefühl ist sicher noch Luft nach oben. Friedrich Merz wird oft nachgesagt, dass er von oben herab auf Menschen reagiert, auch so mit ihnen spricht. Das liegt allein schon an seiner Körpergröße. Trotzdem: Er hat eine Art, die oft etwas belehrend oder besserwisserisch rüberkommt. Sogar bei Frauen, die der CDU nahestehen, gibt es eine gewisse Skepsis in Bezug auf Merz. Letztlich geht es darum, mit den Menschen zu reden und nicht über sie. Und es ist wichtig, Empathie zu zeigen. Da hat Merz noch Nachholbedarf.

Sie beschreiben Merz als progressiver als gemeinhin angenommen. Er scheut aber auch nicht davor zurück, Ressentiments zu bedienen, wenn er vom „Sozialtourismus“ ukrainischer Flüchtlinge spricht. Wie passt das zusammen?

Goffart: Das Flüchtlingsthema war schon immer wichtig für ihn. Und natürlich ist es auch jetzt wieder ein Thema: Deutschland hat fast eine Million Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Auch über die Balkanroute gibt es wieder eine verstärkte Zuwanderung. Es ist Aufgabe der Opposition, zu sagen: Leute, seid ihr vorbereitet, habt ihr das im Blick? Problematisch ist es natürlich, ein so schwieriges Thema mit einem plakativen Schlagwort wie „Sozialtourismus“ zu belegen.

Will Friedrich Merz Kanzler werden?

Falke-Ischinger: Ja klar, das wollte er immer.

Es gibt auch andere, die infrage kommen. Die Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein und NRW, Daniel Günther und Hendrik Wüst.

Goffart: Aus einem erfolgreichen Ministerpräsidenten muss kein erfolgreicher Kanzlerkandidat werden. Das haben wir bei Armin Laschet gesehen. Die Bundesbühne ist rutschig. Ob das den Ehrgeiz der beiden bremst, wird man sehen. Noch können sie abwarten. Und es ist genauso gut möglich, dass die CDU bei der nächsten Wahl keine großen Chancen hat. Dann lässt man Friedrich Merz gerne den Vortritt.

Und auch die CSU hat ja noch ein Wort mitzureden.

Falke-Ischinger: Markus Söder muss erst mal die Wahl in Bayern gewinnen. Im Moment ist er ganz brav. Auf dem letzten CSU-Parteitag war er um Harmonie bemüht. Interessant war, dass Friedrich Merz dort mehr Applaus als Söder bekommen hat. Goffart: Ich glaube nicht, dass Söder noch mal nach der Kanzlerschaft greift – zumindest, wenn er noch alle Tassen im Schrank hat. Er hat immer wieder gegen Armin Laschet quergeschossen, seinen Wahlkampf brutal behindert. Dadurch hat er sich in weiten Teilen der CDU unmöglich gemacht. Unterstützung für eine Kanzlerkandidatur wird er in der CDU nicht bekommen. Die Sache ist gegessen.

Interview: Fabian Hartmann

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