Montréal – Diesen Durchbruch hatten viele nicht mehr erwartet: Rund 200 Staaten haben sich bei der Weltnaturkonferenz in Montréal auf ein Artenschutzabkommen verständigt. Demnach sollen bis 2030 mindestens 30 Prozent der Landfläche, der Binnengewässer und der Küsten- und Meeresflächen der Welt „wirkungsvoll konserviert“ werden. Unsere Zeitung erklärt, was das bedeutet.
Was folgt für Deutschland aus dem 30-Prozent-Ziel?
In Deutschland sind dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) zufolge schon jetzt gut 30 Prozent der Landfläche und rund 45 Prozent der Meeresgebiete formal geschützt. Streng geschützt sind nur Nationalparks (0,6 Prozent der Fläche Deutschlands) und Naturschutzgebiete (6,3 Prozent). Daneben gibt es Biosphärenreservate, Landschaftsschutzgebiete oder Schutzgebiete gemäß Natura 2000. In diesen Gebieten sind Tourismus und Landwirtschaft unter bestimmten Bedingungen möglich. In Biosphärenreservaten wird erprobt, wie man wirtschaftliche Nutzung und Naturschutz miteinander verbinden kann. „Noch immer werden Schutzgebiete durch neue Straßen und Baugebiete zerschnitten, noch immer bedrohen Pestizidanwendung und Stickstoffüberschuss hochsensible Lebensräume“, klagt Magnus Wessel vom Bund Naturschutz (BUND). Das Umweltministerium kündigte einen „Aktionsplan“ an, mit dem bestehende Schutzgebiete fortentwickelt werden sollen.
Welche Konsequenzen fordern Umweltschützer?
Der BUND legte eine Streichliste von zwölf Autobahn-Projekten vor, darunter die geplante rund 200 Kilometer lange Küstenautobahn A20 zwischen Bad Segeberg und Westerstede. „Rund 80 Prozent der geplanten Trasse verläuft durch Moore und Marschböden. Deren Fähigkeit, CO2 zu binden, wird zubetoniert“, so der BUND. Das Projekt sei ein „sieben Milliarden Euro teures ökologisches Desaster“.
Was fordert der BUND für Bayern?
Der Bund Naturschutz in Bayern drängt, Montréal zum Anlass zu nehmen, den Steigerwald wie seit 2008 diskutiert endlich zum Nationalpark zu erklären. Die ursprünglich als A93 geplante und in B15n umbenannte „verkappte Autobahn“ zwischen Landshut und Rosenheim sollte gestoppt werden, so die Umweltschützer. Durch den vierspurigen Neubau würden „rund 1000 Hektar Kulturlandschaft und Biotope vernichtet“. Ebenfalls verzichtet werden sollte auf die geplante autobahnähnliche Bundesstraße B26n bei Würzburg, die das unterfränkische Naturschutzgebiet Grainberg-Kalbenstein massiv schädigen würde.
Was bedeutet der Beschluss von Montréal finanziell?
Reichere Industriestaaten sollen ärmeren Ländern mit wertvollen Ökosystemen wie Regenwäldern bis 2025 rund 20 Milliarden Dollar jährlich zukommen lassen, bis 2030 sollen es mindestens 30 Milliarden Dollar sein. Umweltschädliche Subventionen in Höhe von 500 Milliarden Dollar sollen abgebaut werden.
Welche zentralen Beschlüsse wurden in Montréal noch gefällt?
Die Länder verpflichten sich, die Rechte indigener Völker zu schützen. Bis 2030 sollen mindestens 30 Prozent der zerstörten Ökosysteme – etwa Moore in Deutschland – renaturiert werden. Der Einsatz von Pestiziden und gefährlichen Chemikalien soll bis 2030 halbiert werden.
Warum ist Artenschutz auch für uns Menschen wichtig?
Das Artensterben gefährdet unsere Ernährung, weil 75 Prozent der essbaren Pflanzen von Tieren bestäubt werden müssen. Fruchtbare Böden, Trinkwasser und gesunde Wälder sind gefährdet, wenn Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten.
Wie beurteilt die Politik das Abkommen?
„Die Staatengemeinschaft hat sich dafür entschieden, das Artensterben endlich zu stoppen“, erklärte Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne). EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte das Abkommen „historisch“.