München – Es sind Szenen wie bei einem Rockkonzert. Muffathalle, 14. Oktober 2018, Ludwig Hartmann, der eben seinen Wahlkreis in der Münchner Innenstadt mit 45,4 Prozent gewonnen hat, und Robert Habeck nehmen auf der Bühne Anlauf und stürzen sich in die Masse jubelnder Anhänger. Sie werden dann auf Händen getragen. „Stage diving“ mag beim Heavy Metal weit verbreitet sein. In der Politik muss dafür schon sehr Ungewöhnliches passiert sein. Im vorliegenden Fall: eine grüne Revolution in der Landeshauptstadt. Fünf Direktmandate gewinnt die Ökopartei, die sonst übermächtige CSU nur vier. Auch bei den Zweitstimmen siegen die Grünen (31,2 Prozent) klar vor den Schwarzen (24,6).
Der Kater bei der Münchner CSU hält bis heute an. Zehn Monate vor der nächsten Wahl blicken sie mit Sorge auf den Urnengang. Selbst mehrere ihrer vier gewonnenen Stimmkreise holte die CSU nur hauchdünn. Der Trend zur Ergrünung urbaner Gebiete mit viel Fluktuation in der Wählerschaft verstärkt sich. Die Grünen lassen fast alle ihrer bekannten Gesichter in der Stadt antreten, parallel dazu schrumpft die SPD. Gleichzeitig ist München, Stadt und Landkreis, extrem wichtig, gut jeder achte Wähler lebt hier, es sind mehr als in jeweils ganz Niederbayern, der Oberpfalz oder Unterfranken.
Intern haben die Planungen längst begonnen. Grundlage für 2023 ist die Vergangenheitsbewältigung – also schonungslose Selbstkritik. „Der Landtagswahlkampf 2018 wurde schlecht geführt“, schrieb der ehemalige Münchner Bürgermeister Josef Schmid Anfang des Jahres in einem internen Papier der CSU im Münchner Westen, das neu gefasst in der Partei kursiert und uns vorliegt. Die Dauer-Querelen zwischen Markus Söder und seinem Vorgänger Horst Seehofer, das Fischen am rechten Rand, um ein Überlaufen von Wählern zur AfD zu verhindern – im liberalen München schwierig zu verkaufen. „Aus diesen Gründen war Söder für weite Teile der Gesellschaft unsympathisch und somit die CSU nicht wählbar.“
Ähnlich vernichtend: die Bilanz des Bundestagswahlkampfes, auch da landete die Münchner CSU (23,8 Prozent der Zweitstimmen) hinter den Grünen (26,1). „2021 wurden von den Spitzen der CDU und auch der CSU sämtliche denkbaren Fehler zusammen gemacht“, steht in Schmids Analyse. Der Streit um die Kandidatur, das schlechte Auftreten von Armin Laschet („altväterlich“), eine „extrem schlechte Wahlkampfführung“ ohne Thema. Doch man will die Fehler nicht nur auf die CDU schieben: „Der CSU-Wahlkampf war nicht besser“, heißt es. „Eigene Themen und eigene Akzente waren nicht erkennbar.“ Und: „Die Bilder im Bundestagswahlkampf waren denkbar schlecht, wie schon 2018.“
Schmid, der als Landtagsabgeordneter im Westen selbst um sein Mandat kämpfen muss, steht zu dieser Analyse. „Das ist in der CSU inzwischen Allgemeingut.“ Wichtig ist ihm die Feststellung: Söder sei 2023 absolut der richtige Kandidat. Der Fehler, sich zu nahe an der AfD auszurichten, wurde behoben. Trotzdem ragen in der CSU, die Söder bisher sehr ergeben ist, solche kritischen Urteile heraus. Der Bezirksverband will mit dem Papier nichts zu tun haben. Auch die Analyse, man müsse die CSU „entstauben“, dürfte in der Parteizentrale für Stirnrunzeln sorgen.
Doch es staubt überall. Die Grünen in der Großstadt sind nur ein Problem; in ländlichen Gebieten nagen die Freien Wähler an der CSU, in Teilen Südober- und Niederbayerns erstarkte während Corona die AfD. Söder versucht seit Monaten, mit einer enormen Zahl von Auftritten, rastlos sieben Tage pro Woche, die Bindung zur Basis zu stärken. Und das in jedem noch so kleinen Ort. Er setzt jetzt stärker auf eine steigende Beliebtheit beim konservativen Stammwähler als in grün-urbanen Milieus. Für München sollen dann Großkundgebungen und vielleicht ein Parteitag 2023 hinzukommen.
Unterstützung erhofft er von inzwischen zwei Münchner Ministern im Kabinett (Georg Eisenreich, Markus Blume) und von Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die ins liberale Stadt-Publikum hineinwirken könnte. Die Münchner CSU will derweil mit den Themen Wohnen, Verkehr und Stadtteilkultur punkten. Und: deutlich Haustürwahlkampf führen.