Kiew/Washington – Das olivfarbene Shirt – es ist in den letzten zehn Monaten zum Markenzeichen des ukrainischen Präsidenten geworden. Weil es zupackend wirkt und nahbar, als sei Wolodymyr Selenskyj nicht in erster Linie Staatsmann, sondern einfach einer von vielen, die ihr Land verteidigen. Ohne das Shirt, manchmal von einer dicken Jacke verdeckt, kennt man ihn gar nicht mehr. Selbst in Washington trug er gestern Oliv, diesmal als Pullover.
Selenskyj war nach Washington gereist, um US-Präsident Joe Biden zu treffen. „Es ist eine große Ehre, hier zu sein“, sagte er bei der Begrüßung vor dem Weißen Haus, er wolle „von ganzem Herzen“ für die militärische und wirtschaftliche Unterstützung danken. Es ist seine erste Auslandsreise seit dem russischen Überfall auf die Ukraine vor exakt 300 Tagen. Am Dienstag noch besuchte der 44-Jährige die ost-ukrainische Frontstadt Bachmut, sprach den Truppen dort Mut zu. Nur Stunden später saß er in einem amerikanischen Regierungsflieger.
Zu Beginn ihres Gesprächs im Oval Office überreichte Selenskyj dem Gastgeber einen Orden aus seiner Heimat – die Medaille eines ukrainischen Soldaten, der „wirklich ein Held“ sei. Der Mann habe Selenskyj gebeten, die Auszeichnung an Biden weiterzureichen. „Er ist sehr mutig und er sagte, ich solle es an einen sehr mutigen Präsidenten weitergeben.“
Der Besuch war aus Sicherheitsgründen lange geheim geblieben, erst am Dienstagabend bestätigte das Weiße Haus, dass Selenskyj die kurz zuvor ausgesprochene Einladung Bidens angenommen habe. Dass es weitere US-Hilfen geben würde, war da schon absehbar.
Bereits bevor der ukrainische Präsident gestern gegen Mittag in der Hauptstadt landete, war in Washington durchgesickert, dass die US-Regierung ein weiteres Paket in Höhe von 1,85 Milliarden Dollar (rund 1,7 Milliarden Euro) schnüren werde. Erstmals unterstützt sie die Ukraine auch mit Flugabwehrsystemen vom Typ Patriot. „Das wird die Luftabwehr unseres Landes signifikant stärken“, ist Selenskyj überzeugt. Die Ausbildung der ukrainischen Soldaten soll Medienberichten zufolge in Grafenwöhr (Oberpfalz) stattfinden.
Ähnlich wichtig ist das Symbol, das von dem Treffen ausgeht. „Das ukrainische Volk inspiriert weiterhin die Welt“, sagte Biden. Man werde „weiter die Fähigkeit der Ukraine stärken, sich zu verteidigen“. Ein US-Regierungsvertreter hatte zuvor schon bestätigt, sein Land werde „für die Ukraine da sein, solange es nötig ist“. Dass Wladimir Putin am gleichen Tag hochrangige Militärvertreter um sich scharte (siehe Text unten) und Ex-Präsident Dmitri Medwedew Chinas Staatschef Xi Jinping traf, darf man als symbolische Antwort verstehen.
Nach dem Treffen mit Biden und einer gemeinsamen Pressekonferenz war am Abend (Ortszeit) eine Rede Selenskyjs vor dem Kongress geplant. Bei der Gelegenheit wollten Senat und Repräsentantenhaus auch dem Haushaltsentwurf der Regierung zustimmen, der unter anderem 44,9 Milliarden Dollar an Ukraine-Hilfen vorsieht. „Jeder Dollar ist in die globale Sicherheit investiert“, betonte Selenskyj.
Eine Weile gab es Befürchtungen, die USA könnten auf Druck der Republikaner ihre Solidarität mit Kiew einschränken. Davon ist nun keine Rede mehr. Selenskyj kann sich der überparteilichen Unterstützung sicher sein, der Kurztrip ist für ihn ein Erfolg, Schon bald nach dem Auftritt im Kongress flog er wieder heim. Der Krieg macht keine Pause. mit afp