München/Berlin – Vor ziemlich genau einem Jahr standen sie am Kirchsee und übten sich in großer Geste. Mal deutete Markus Söder ausladend über die Fluten, dann legte ihm Friedrich Merz freundschaftlich den Arm aufs Schulterblatt. Sie schlenderten, plauderten, tätschelten, deuteten, lächelten, bis der eigens herbestellte dpa-Fotograf eine echt eindrucksvolle Bilder-Serie im Kasten hatte: pure Harmonie der zwei Unions-Parteichefs. So offensichtlich inszeniert, dass im Land kaum einer dran glauben wollte.
Dabei zeigt sich ein Jahr nach dem Treffen am Voralpensee: Es mag Show gewesen sein, aber war der Start eines tragfähigen Verhältnisses. Nach einem verkorksten, zerstrittenen 2021 mitsamt Wahlniederlage im Bund haben CDU und CSU in Person ihrer Vorsitzenden wieder eine stabile Arbeitsbeziehung. „Es hat selten Phasen gegeben“, sagt Merz, „wo CDU und CSU so gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet haben wie gegenwärtig.“
Auf beiden Seiten ist – ohne die sonst üblichen kleinen Spitzen – zu hören: Merz und Söder smsen oft, stimmen sich ab. Jeden Sonntagabend telefonieren sie, montags schalten sich die Mitarbeiter zusammen. Öfter als früher sind die Chefs einer Meinung. Klar, weil Merz konservativer und im Kurs klarer ist als sein Vorgänger Armin Laschet, und weil Söder seit dem Ende seiner Ergrünung diese Seite wieder mehr betont.
Beide schaffen es, Konflikte kleinzuhalten. Wer hinhört, entdeckt etwa in der Ukraine-Politik andere Betonungen. Söder warnte lange vor der „Euphorie, über immer größere Waffenlieferungen zu sprechen“. Merz warb früh und kompromisslos für maximale Lieferungen an Kiew und härteste Russland-Sanktionen. Trotzdem achten beide darauf, sich nie offen zu widersprechen. Im Zweifel überlässt der Bayer (ein neuer Wesenszug) Merz die Dominanz im Bund und fokussiert sich auf seine Bayern-Wahl im Oktober. Die Umfragen geben beiden Recht: Im Bund kletterte die Union auf 30 Prozent, keine Regierung wäre jetzt ohne sie möglich.
Spannender macht die Konstellation ein Dritter: Hendrik Wüst ist seit seinem NRW-Wahlsieg im Mai in die erste Reihe der CDU aufgestiegen. Jüngst schrieb ihm der „Spiegel“ Interesse an einer Kanzlerkandidatur 2025 zu. Inhaltlich setzt sich der 47-Jährige, der NRW mit den Grünen regiert, von Merz und Söder ab. Vor allem in der Migrations- und Integrationspolitik: Wüst steht klar hinter dem Konzept, gut integrierten abgelehnten Asylbewerbern ein dauerhaftes Bleiberecht zu geben. Für NRW hat er einen Plan mit entwickelt und präsentiert. Die Bundesregierung nennt das „Chancen-Aufenthaltsrecht“ – und als vor einem Monat das Votum im Bundestag anstand, weigerten sich 20 Unions-Abgeordnete, wie von Merz erbeten dagegen zu stimmen. Sie enthielten sich, darunter etliche NRWler. Das fiel auf, zumal prominente Abgeordnete wie Laschet, Hermann Gröhe und Helge Braun unter den Abweichlern waren.
Konsens im Trio: Jetzt nicht über Kanzlerkandidaturen reden. Warum auch – 2025, also die Bundestagswahl, ist in diesen hektischen Zeiten ewig fern. Sollte die Ampel vorher zerbrechen, darf sich Oppositionsführer Merz als logischen Kanzler sehen. Die Umfragen sind da allerdings diffiziler: In einem Insa-Ranking, welcher Politiker 2023 mehr zu sagen haben solle, führt Söder mit 39 Prozent vor Merz (32) und Wüst (23); bei der Forsa-Vertrauensfrage liegt Wüst vor Söder und Merz. Vor allen hier übrigens: Nord-MP Daniel Günther.
Anfang 2023 wird es weitere Abstimmungen geben, ab und zu Geruckel, wohl keinen Knall zwischen den dreien, die das vertraute Du pflegen. In der CDU will Merz im zweiten Quartal das Thema Migration in den Fokus rücken, vielleicht rafft sich die Bundestagsfraktion auch im Januar schon zur einer Aussprache auf. In der CSU wird Wüst sogar mal als Ehrengast eingeladen, am 18. Januar zur Landtagsklausur in Kloster Banz. Allerdings terminlich hinter der avisierten Söder-Grundsatzrede versteckt. Zu große Schlagzeilen soll Wüst ja auch nicht kriegen.