Berlin – Seit der Krieg um die Ukraine tobt, sind Botschafter nicht mehr nur vorsichtig flötende Formulierer. Der Ukrainer Andrej Melnyk, bis vor Kurzem in Berlin, rüttelte sein Gastland Deutschland mit zornigen Forderungen jenseits aller diplomatischen Gepflogenheiten durch. Nun will Deutschland offenbar einen Klartexter nach Russland entsenden: Der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff soll im Sommer Botschafter in Moskau werden.
Entsprechende Informationen mehrerer Medien werden in der rot-gelb-grünen Koalition bestätigt. Es wäre ein spektakulärer Wechsel: Weil es unüblich ist, dass aktive Abgeordnete in den diplomatischen Dienst umziehen. Und weil Lambsdorff sich mit bisherigen Äußerungen zum russischen Angriffskrieg klar gegen Wladimir Putin positioniert hat. „Schwäche“ attestierte er dem russischen Machthaber, dazu drohenden militärischen Kontrollverlust. Der FDP-Mann forderte offen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine. Innenpolitisch griff er die pazifistischen Ostermarschierer an: „Sie spucken den Verteidigern Kiews und Charkiws ins Gesicht.“
Falls Russland Lambsdorff überhaupt ins Land ließe, wäre er ein unangenehmer Gast. Wobei der 56-Jährige das diplomatische Geschäft in den 90ern nach dem Geschichtsstudium gelernt hat, später als Mitarbeiter an die Deutsche Botschaft in Washington gesetzt wurde. In die Politik ging er danach (EU-Parlament ab 2004, Bundestag seit 2017), stets fokussiert auf Außenangelegenheiten. Liegt ja auch in der Familie, sein Vater war Botschafter, sein Onkel war der Bundesminister und FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff (der sich übrigens schon 2007 energisch gegen Russengas-Pipelines in der Ostsee aussprach). In der FDP wurde aus Alexander jedenfalls einer der erfahrensten Außenpolitiker.
Parteifreunde sind von der Idee angetan. „Es ist wichtig, dass Deutschland jetzt und in Zukunft in Moskau mit einer starken Stimme vertreten ist“, sagt FDP-Landesgruppenchef Daniel Föst unserer Zeitung. „Von Lambsdorff ist da genau der richtige Mann. Er steht für freiheitliche Werte und kennt sich auf dem diplomatischen Parkett aus.“
Der Posten in Moskau gilt derzeit als einer der schwierigsten im deutschen diplomatischen Dienst. Er wird im Sommer frei, weil die Amtszeit des gebürtigen Münchners Géza Andreas von Geyr (60) endet. Er ist seit 2019 in Moskau. Westliche Diplomaten werden in Russland naturgemäß derzeit als Feind wahrgenommen.
Das Mandat im Bundestag muss Lambsdorff dann wohl abgeben. Verbunden ist der Plan zudem mit mehreren Umbesetzungen im diplomatischen Dienst. Laut der Plattform „Pioneer“ soll der bisherige Staatssekretär Andreas Michaelis Botschafter in Washington werden. cd