„Er ist ein Unsriger gewesen“

von Redaktion

Die Heimat als Türöffner: Bayerische Trauergäste erinnern sich an private Treffen mit Benedikt XVI.

Rom – Das Gefühl, bei einem historischen Ereignis der Kirchengeschichte dabei zu sein, vereint die Teilnehmer der bayerischen Delegation, die zur Beisetzung von Benedikt XVI. nach Rom gereist ist. Viele von ihnen haben den emeritierten Papst persönlich erlebt – bei seinem Besuch in der Heimat 2006, oder wenn die Bayern „ihren Papst“ zu Geburtstagen im Vatikan erfreut haben.

Aber es gab auch diese feinen, ganz privaten Treffen, an die sich Delegationsteilnehmer auf der Fahrt zur Beisetzung erinnern. Wie Günter Reichelt aus Rosenheim, Schatzmeister des Bunds der Bayerischen Gebirgsschützen, der auch einige Bücher über Joseph Ratzinger veröffentlicht hat. Vor vier Jahren waren der gebürtige Traunsteiner und seine Frau eingeladen beim Emeritus. „Herr Reichelt, Sie haben die große Ehre einer Privataudienz beim Heiligen Vater“, sagte ihm Schwester Birgit in einem Telefonat. Am 18. Juli 2018 sollte er um 19 Uhr bei der Schweizer Garde sein – keine Minute früher oder später. „Der Gardist hat uns mit dem Auto bis zur Grotte in den Vatikanischen Gärten gefahren.“ Und dort haben sie auf einer Bank gesessen und geplaudert – über Ratzingers Jugend in Traunstein, über die Fraueninsel. Nach einer halben Stunde hat Benedikt sie noch gesegnet – und dann konnten Reichelt und seine Frau noch ganz allein im Garten spazieren gehen. „Wir waren beim Papst direkt auf der Hausbank gesessen – das ist ein Erlebnis, das sehr tief sitzt.“ Jetzt habe er sich von einem Menschen verabschiedet, den er „geschätzt, geehrt und geliebt hat. Er ist ein Unsriger gewesen.“

Ein Gefühl, das er mit dem Stiftsdekan von Tittmoning, Pfarrer Gerhard Gumpinger, teilt. Er hatte seiner Mutter im Jahr 2018 zum 85. Geburtstag eine Reise nach Rom geschenkt. Eine Woche vorher hatte er sich im Alterswohnsitz von Benedikt erkundigt, ob er zu einer Privataudienz kommen könne. Schließlich habe er eine Ordensschwester erreicht, die „sehr mürrisch“ auf seine Anfrage reagiert habe. „Was ich denn glaube? Politiker fragen ein halbes Jahr vorher, ob sie einen Termin bekommen“, erinnert sich der Stiftsdekan an das Telefonat. Und wenn, dann habe der emeritierte Papst höchstens eine Minute Zeit für ihn. Doch auch hier war Tittmoning wohl ein Zauberwort, das als Türöffner diente. Denn in dem Ort im Kreis Traunstein hatte Joseph Ratzinger auch als Kind einige Jahre gelebt. „Meine Mutter durfte sich zu ihm auf die Kunststoff-Gartenbank setzen, ich saß auf der anderen Seite und dann haben wir eine halbe Stunde über die Heimat geplaudert.“ Und nun gehörten der Stiftsdekan und der Gebirgsschütze zu den Bayern, die ihrem Landsmann in Rom die letzte Ehre erwiesen.

Wehmütig war auch der Landeshauptmann der Gebirgsschützen, Martin Haberfellner aus Kochel (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). „Der bewegendste Moment war das Wegtragen des Sarges“, sagte er. Das Ende eines großen Menschen, der über 40 Jahre Kirche und Welt geprägt habe, berührte ihn sehr. Unwillkürlich denke man bei einer solchen Feier auch an das Ende des eigenen Lebens.

CLAUDIA MÖLLERS

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