Papst Benedikt auf dem Weg zum Herrn

von Redaktion

VON CLAUDIA MÖLLERS

Rom – Es wird den 24 Musikern der Feuerwehrkapelle Unterpfaffenhofen (Kreis Fürstenfeldbruck) erst nach und nach bewusst, was sie tags zuvor geleistet haben: Auf dem Petersplatz in Rom, bei der Beisetzung des bayerischen Papstes Benedikt XVI., sind sie es, die Herz und bayerisches Heimatgefühl in den kühlen, nebligen Januarmorgen gezaubert haben.

Als kurz vor 11 Uhr zum Schluss des Requiems der schlichte Zedernholzsarg in den Petersdom getragen wird, salutieren die bayerischen Gebirgsschützen auf dem Petersplatz. Der Befehl „Und jetzt die Bayernhymne!“ hallt über den Platz. Als „Gott mit Dir, Du Land der Bayern, Heimaterde, Vaterland“ von den Unterpfaffenhofener Musikanten ertönt und die große bayerische Trauerdelegation aus vollem Herzen singt, haben die vielen Bayern unter den 60 000 Trauergästen die Tränen in den Augen. „Eine Gefühlswallung, wie ich sie selten erlebt habe“, sagt der frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber tief bewegt. „Das ist ein großer Tag für die katholische Kirche, die Christen, aber auch für Bayern. Der bayerische Papst wird immer bleiben.“ Dass die geliebte Hymne der bayerischen Heimat auf seinem letzten Weg erklingt, und das gleich in allen drei Strophen, das dürfte ganz im Sinne des verstorbenen Theologen Joseph Ratzinger gewesen sein.

Aus Bayern war eigens eine 170-köpfige Delegation unter der Leitung von Ministerpräsident Markus Söder und Kardinal Reinhard Marx mit Vertretern aus Politik, Kirche und Gesellschaft um 6 Uhr morgens per Flugzeug aufgebrochen, um dem wohl berühmtesten Bayern die letzte Ehre zu erweisen. Sie und eine stattliche Zahl von bayerischen Gebirgsschützen, Trachtlern, Gläubigen und Priestern zeigen der Welt, wie eng Glaube und Heimat in Bayern trotz aller Diskussionen noch verbunden sind.

Bei der Trauerfeier – von Benedikt XVI. ausdrücklich schlicht gewünscht – gibt es indes für den bayerischen Geschmack zu wenig persönliche Bezüge zum Verstorbenen. Papst Franzikus erwähnt den Namen Benedikts in seiner auf Italienisch gehaltenen Predigt nur ein einziges Mal. Es ist eine Würdigung für Theologen und Kenner, denn Franziskus nutzt dafür sorgsam ausgewählte Zitate aus dem Werk seines Vorgängers. Dass ein Papst seinen Vorgänger zu Grabe trägt, hatte es seit Jahrhunderten nicht gegeben. Und so wollte Franziskus offenbar nichts sagen, was als Bewertung seines Vorgängers verstanden werden könnte. Erst am Ende fällt der Name des Verstorbenen: „Benedikt, Du treuer Freund des Bräutigams, möge Deine Freude vollkommen sein, wenn Du seine Stimme endgültig und für immer hörst.“ Mit Bräutigam wird in der Kirche Jesus bezeichnet.

Es sind eher kleine, leise Gesten, die eine Verbundenheit des amtierenden Papstes mit seinem Vorgänger zeigen. Etwa, als sich der wegen Kniebeschwerden im Rollstuhl sitzende Franziskus nach einem stillen Gebet erhebt, seine rechte Hand auf den Sarg und anschließend auf sein Herz legt.

Aus direkter Nähe erlebt der evangelische Christ Markus Söder die Trauerfeier auf dem Petersplatz – oben auf der Altarinsel in der Gruppe der deutschen Politiker und gegenüber den über 130 Kardinälen in ihren purpurroten Gewändern. Der Ministerpräsident zeigt sich tief beeindruckt vom Charakter der Weltkirche und „von der Mischung aus Wehmut und großer Anteilnahme vieler, aber auch der großen Hoffnung, die dahinter steht“ – dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. „Ich habe viel Hoffnung empfunden. Gerade zum Schluss – der Beifall, die Rufe, die Bayernhymne natürlich – vielleicht gibt das alles auch für das Christentum einen neuen Schub“, sagt er. Die Institution habe ihre Probleme, „aber der Glaube ist attraktiv wie nie“.

Die Reise der bayerischen Delegation ist wie eine gute katholische Beisetzung: Zunächst ein feierliches, frommes Requiem im Auferstehungsglauben, danach findet sich die Trauergemeinde zum Totenmahl zusammen. Im Ristorante „Da Romolo alla Mole Adriana“ unweit des Petersplatzes ist Zeit und Gelegenheit, sich nach vier Stunden in der Kälte vor dem Petersdom aufzuwärmen und Erinnerungen über Benedikt auszutauschen. „Er war und ist und bleibt auch im Himmel ein Bayer“, sagt Kardinal Reinhard Marx. Deswegen seien so viele Menschen über Religions- und Konfessionsgrenzen mit ihm verbunden. Auch in 100 und 200 Jahren werden die Menschen noch von Benedikt reden, ist der Kardinal überzeugt. „Vielleicht sind nicht alle einer Meinung, aber sie werden nicht an ihm vorbeikommen.“ Und so drehen sich die Gespräche an den Tischen um Kirche und Welt – tauschen sich die Präsidentin der jüdischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, mit Herzog Max in Bayern und Landtagspräsidentin Ilse Aigner, der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm mit den Ministerinnen Melanie Huml und Ulrike Scharf aus. Die grüne Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze hat mit Bauernpräsident Günther Felßner viel zu besprechen.

Dass die Fahrt der Bayern ins Zentrum der katholischen Weltkirche weit mehr ist als weißblaue Folklore, macht Kardinal Marx bei einer Vesper in der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell’Anima klar. Benedikt XVI. sei verwurzelt gewesen in der Tradition seiner Heimat – wie ein Baum, der sich nach oben ausbreite. „Das bedeutet neugierig sein auf das, was kommt.“ Das gelte auch für die Kirche und die Christenheit.

Auf den Straßen und Plätzen rund um St. Peter sind noch den ganzen Tag über Pilger mit weißblauen Fahnen und dem Papstwappen Benedikts unterwegs, Gebirgsschützen und auch die Musiker aus Unterpfaffenhofen. „Wir haben noch an verschiedenen Stellen unsere Märsche gespielt“, erzählt Christine Stege, Vorsitzende der Blaskapelle.

Die Musiker waren ganz kurzfristig eingesprungen, weil die Gebirgsschützen nach dem Tod Benedikts auf die Schnelle nicht genügend Musiker zusammenbekommen hatten. Am Montag war die Anfrage gekommen – schließlich hatte die Feuerwehrkapelle bereits 2016 zum 65. Priesterjubiläum für Benedikt aufgespielt. „Innerhalb von einer Stunde hatten wir die Leute zusammen, einige haben sogar ihren Skiurlaub unterbrochen. Und haben auch gleich geprobt.“

Sie treffen den richtigen Ton auf dem Petersplatz, die Musiker aus Unterpfaffenhofen und die Stimmen der Gebirgsschützen. Als der Sarg langsam zurück in den Petersdom getragen wird, vermischen sich die bayerischen Klänge mit dem Ton der Glocke von St. Peter. Genau passend für den bayerischen Papst.

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