München – Lächeln, wenn es bescheiden läuft. Politik-Profis können das, und Florian von Brunn ist so ein Profi. Also witzelt Bayerns SPD-Chef am Freitag über die Freien Wähler, die in einer neuen Umfrage hinter der SPD liegen. Dann könne man ja jetzt schreiben, die Aiwanger-Partei sei einstellig, sagt er, als wären die eigenen Probleme Makulatur.
Dabei stecken die Genossen gerade selbst in der Krise. Generalsekretär Arif Tasdelen warf am Dienstag wegen eines kaum greifbaren Skandälchens hin. Eine kleine Katastrophe zu Beginn des Wahljahrs, eine Nachfolge musste schnell her. Drei Tage später steht sie fest. Die Landshuter Landtagsabgeordnete Ruth Müller übernimmt – mit dem jungen Nürnberger SPD-Chef Nasser Ahmed bekommt sie einen Vize. „Eine sehr gute Lösung“, schwärmt Brunn.
Die Wahl wirkt durchdacht. Die 55 Jahre alte Müller, seit zehn Jahren im Landtag, soll sich um Themen des ländlichen Raums kümmern, der 34-jährige Ahmed ums Urbane. Allerdings sind beide außerhalb der Partei weitgehend unbekannt. Fast noch schwerer wiegt: Einen großen Wahlkampf haben sie bis dato nicht organisiert.
Genau der muss aber sitzen. Die SPD, die in den vergangenen Jahren viel verloren hat, aber nicht ihren Stolz, soll „15 Prozent plus x“ (von Brunn) erreichen; im besten, aber auch utopischsten Fall will sie am Ende mitregieren. Dafür bleiben neun Monate Zeit. Sie als Frau wisse, was in dieser Zeit so entstehen könne, sagt Müller. Ahmed will die „Abteilung Attacke“ übernehmen.
Am Freitag legt er schon mal vor, wirft CSU und Freien Wählern ausländerfeindliche und rassistische Aussagen in der Silvester-Diskussion vor, bleibt Belege aber schuldig. Der neue Job sei eine große Ehre, er habe am Telefon gleich zugesagt und wolle sich „mit allem, was ich habe, voll und ganz reinschmeißen“. In Nürnberg hat sich der promovierte Politologe, dessen Eltern aus Eritrea kommen, schon Respekt erworben.
Die Geschichte um den Vorgänger bleibt allerdings eine Hypothek, auch weil die Vorwürfe gegen Tasdelen so unspezifisch sind. Er soll sich Frauen des Parteinachwuchses gegenüber unangemessen verhalten haben, die Rede ist etwa von hartnäckigem Fragen nach Handynummern. Die Jusos hatten Tasdelen daraufhin von all ihren Veranstaltungen ausgeschlossen, was auch parteiintern zu Kritik führte. Ex-SPD-Chefin Renate Schmidt etwa nannte die ganze Sache „Pipifax“.
Müller teilt das nicht. Solche Vorwürfe müssten ernst genommen werden, sagt sie, man sei im Gespräch mit den betroffenen Frauen. „Mir gegenüber hat sich Arif Tasdelen aber immer korrekt verhalten.“ Parteichef von Brunn bleibt schmallippig: Man respektiere Tasdelens Entscheidung, eine interne Kommission werde die Vorwürfe nun aufklären. Was das Verhältnis zu den Jusos betrifft: „Alle haben ein Interesse daran, einen guten Wahlkampf zu führen.“
Bis Mai werden die beiden Neuen kommissarisch im Amt sein, beim Parteitag sollen sie dann gewählt werden. Auch eine Satzungsänderung soll dann beschlossen werden – bisher gibt es den Vize-General als Amt nämlich gar nicht. Ab jetzt stünden die Wahlkampf-Themen im Vordergrund, sagen alle: bezahlbare Energie, Wohnen, Entlastung von Familien. Hauptsache, kein Skandal mehr. Zumindest bis Oktober. M. MÄCKLER