WIE ICH ES SEHE

Alles schon mal da gewesen

von Redaktion

Geschichte wiederholt sich nicht, aber es sind immer wieder Muster zu erkennen, die sich in ganz anderen Zeiten wiederholen oder umkehren. Bei Napoleons Russland-Feldzug 1812 war der strenge Winter der Verbündete der Russen. Die Große Armee endete nach anfänglichen französischen Erfolgen in einer der größten militärischen Katastrophen der Geschichte. Ebenso hat Putin für seinen Energiekrieg gegen den Westen auf strenge Winter gehofft. Die dadurch verstärkte Gasknappheit sollte vor allem Deutschland gefügig machen. Diesen Gefallen aber hat die Natur dem russischen Herrscher diesmal nicht getan.

Im Winter 1813 begann in Preußen der Befreiungskrieg gegen die französische Fremdherrschaft. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. aber zögerte lange, sein Volk zu den Fahnen zu rufen. Gleichwohl hat die preußische Geschichtsschreibung ihn gerühmt mit dem Satz: „Der König rief und alle, alle kamen“. Es war umgekehrt, alle haben gerufen und am Ende kam schließlich auch der König.

Ebenso mag das lange Zögern des jetzigen Bundeskanzlers Scholz, der Ukraine Leopard-Panzer zu schicken, von der Geschichte einst glorifiziert werden als eine Entscheidung weiser, überlegener Staatskunst. Dass er die Amerikaner mitziehen konnte, ist in der Tat löblich. Aber wertvolle Zeit ging verloren. Gut möglich, dass die Panzer am Ende zu spät kommen.

Dass dieser Kanzler nach langem Drängen unserer westlichen Verbündeten, auch der USA, jetzt die „Panzerwende“ verkündet, dürfte auf dem Schlachtfeld vor allem symbolische Bedeutung haben. Ganze 14, wenn auch hochmoderne Panzer sind kaum entscheidend und trotzdem ein Aderlass für eine Bundeswehr, die kaum noch verteidigungsfähig ist.

Napoleon war wie Putin ein Mann, dem das Leben seiner Soldaten und überhaupt Blutbäder wenig bedeuteten. Trotz der Schrecken, die die Herrschaft des Korsen verbreitete, standen aber zur napoleonischen Zeit alle Staaten noch auf dem Boden einer Zivilgesellschaft, die am Ende eine gemeinsame ethische Grundlage hatte. Deswegen war es auch möglich, schon wenig später 1815 auf dem Wiener Kongress zu einem Frieden zu kommen, der alle Länder, Sieger wie Besiegte, einbezog.

Putin hat überall, wo er herrscht, einen blutigen, rational beherrschten staatlichen Zwangsapparat geschaffen. Mit ihm gab es schon lange vor dem Überfall auf die Ukraine keine gemeinsame zivilgesellschaftliche Grundlage mehr. Den Ukraine-Krieg führt er mit der Söldnertruppe Wagner und dem grausamen Tschetschenenführer Kadyrow. Sie sind groß in Völkermord und Folter. Wir kannten das ja schon aus Tschetschenien und Syrien. Dieser komplette Zivilisationsbruch ist die eigentliche Katastrophe Europas. Mit jahrzehntelanger blinder Gefälligkeit gegenüber diesem Regime haben vor allem deutsche Politiker und Industrielle einen kompletten Scherbenhaufen angerichtet. Putins Weg in die Ukraine wurde so beflügelt. Zu der in Berlin ausgerufenen Zeitenwende gehörten jetzt nicht nur Waffenlieferungen, sondern dazu eine zügige Nachrüstung bei der Bundeswehr. Davon ist nichts geschehen nach einem Jahr Krieg in Europa. Solche Naivität wenigstens ist ohne Beispiel in der europäischen Militärgeschichte.

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VON DIRK IPPEN

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