Moskau/Berlin – Die Erfahrung der letzten Monate zeigt, dass aus einem klaren ein weiches Nein werden kann – und irgendwann ein Ja. So war es zuletzt bei den Kampfpanzern und wenn es nach dem Willen der Ukraine geht, soll sich das mit Blick auf die neueste Forderung wiederholen. Kiew will in seinem Kampf gegen die russischen Angreifer westliche Jets, vorzugsweise die F-16 aus amerikanischer Produktion. Während Berlin eilig abwinkt, sind andere Länder offener.
Frankreich, die Niederlande und die Slowakei wollen sich dem Gedanken jedenfalls nicht verschließen. Auch aus den USA kamen schon ähnliche Stimmen. Polen erklärte, wenn die Nato liefere, wolle man dies unterstützen. Glaubt man Berichten der Zeitung „Dziennik Gazeta Prawna“, dann hat Warschau längst Sowjet-Jets, Typ MiG-29, in die Ukraine geschickt –in Einzelteilen. Stimmte das, wäre es heikel. Denn die Jets stammen aus ehemaligen NVA-Beständen, Berlin hätte also zustimmen müssen.
An der Verfügbarkeit neuerer westlicher Jets dürfte es nicht scheitern. Die USA haben umfangreiche und überzählige Bestände. Bei den älteren Typen wie F-15 oder F-16 sowie F-10 („Warzenschwein“) könnte es wohl möglich sein, die Instandsetzung auf dem freien Markt einzukaufen. Ersatzteile sind in großer Zahl vorhanden. Grundvoraussetzung ist die Ausbildung.
Für sich genommen sind die Jets keine Wunderwaffen, auch eine Eroberung der Lufthoheit wäre angesichts der russischen Flugabwehr kaum zu erwarten. Im Verbund mit Panzern, Bodentruppen und wirksamen Raketenwerfern wie den Himars, die russische Radarsysteme ausschalten können, könnten die F-16 oder andere Fabrikate aber durchaus einen Unterschied machen, sagen Experten.
Mehr noch als zur Überwachung und dem Schutz gegen Angriffe können Kampfflugzeuge als sogenannte Luftnahunterstützung in Kämpfe am Boden eingreifen. Und: Sie ermöglichen es, die Kraftquellen („center of gravity“) des Gegners anzugreifen. Die Ukraine wäre befähigt, Nachschubwege, Aufmarschgebiete, Treibstofflager und strategische Ziele Russlands zu zerstören. Spätestens da – so befürchten einige – wird politisch gefährlich, was im Sinne der Selbstverteidigung nicht verboten scheint.
Hier liegt die Sorge, die das kategorische Nein aus Berlin erklärt. Zwar halten auch viele Experten eine (zumindest nicht ausgeschlossene) Lieferung von Jets de facto für keine Eskalation. Justin Bronk vom britischen Royal United Services Institute (Rusi) sagte bei CNN, die Lieferung von F-16 sei „nicht annähernd so eskalatorisch, wie die Leute denken“. Dass sie der Ukraine erlauben würden, regelmäßig Kampfeinsätze über russischem Staatsgebiet zu fliegen, sei „reine Fantasie“.
Russland aber würde es ohne Zweifel so darstellen und sich in der Behauptung bestätigt sehen, der Westen sei Kriegspartei. Der für Rüstungsfragen zuständige russische Diplomat Konstantin Gawrilow sagte im Staatsfernsehen, dass die Jets das Kampfgebiet geografisch vergrößern würden. Das bedeute „nichts Gutes“ für Russland, sei aber auch keine Katastrophe.
Moskaus Truppen haben zwar Stand jetzt keine Luftüberlegenheit über der Ukraine, aber auch die Kampfjet-Verbände noch nicht im vollen Umfang im Einsatz. Das Staatsfernsehen zeigt fast täglich voller Stolz die zerstörerische Kraft russischer Raketen, die von Flugzeugen abgeschossen werden. Der General und Militärpilot Wladimir Popow sagte in einem Interview der Moskauer Zeitung „MK“, dass Russland die Kampfjets mit Luft-Luft-Raketen abschießen würde. Gelinge das nicht, müssten sie auf den Luftwaffenstützpunkten durch Hochpräzisionswaffen zerstört werden.
So oder so, die Diskussion über westliche Jets ist schon angelaufen – und manche halten die Lieferung nur für eine Frage der Zeit. Wie so oft meldete sich der ukrainische Vize-Außenminister Andrij Melnyk dazu zu Wort. Er sei „gespannt, wie lange noch die Ampel die Lieferung von Kampfjets und Raketen ablehnen kann“, twitterte er. „Der Countdown läuft.“ mmä/dpa