WIE ICH ES SEHE

Du hast Post…

von Redaktion

Früher gab es ganze Bücher über den „guten Ton“, auch für das Briefeschreiben. Für die unzähligen E-Mails aber, die wir heute bekommen, gibt es anscheinend gar keine Etikette.

Schon die Anrede schwankt zwischen „Sehr geehrte …“ und einem einfachen „Hallo“ oder gar „Hallöchen“. Das eine klingt sehr kühl, das andere zu plump vertraut. Die Grußformel am Schluss reicht vom distanzierten „Hochachtungsvoll“ bis zu „Herzlichen Grüßen“. Sie passen aber nur da, wo auch wirklich eine persönliche Beziehung besteht. Die „ganz lieben Grüße“ sind zu anbiedernd, wenn sie zum Beispiel ein Vorgesetzter an seine Mitarbeiter richtet. Dazu noch ein sogenanntes „Smiley“ anzuhängen, das geht gar nicht.

Mitten in der Nacht sollte man nur dann eine E-Mail absenden, wenn es einen triftigen Grund gibt, noch nachts eine Antwort zu erwarten.

E-Mails mit einem gesondert zu öffnenden Anhang können gefährlich sein. Beim Öffnen einer nicht bekannten Quelle könnte der Empfänger sich einen Virus einfangen.

Am unangenehmsten sind die E-Mails mit dem Vermerk: „Bitte antworten Sie nicht auf diese Mitteilung!“ Sie kommen erkennbar nicht von einer Person. Sie sind vielmehr automatisch von den Computern einer Behörde oder einer großen Firma geschrieben. Sie sagen nur, dass unsere Eingabe dort eingegangen ist und – so Gott will – irgendwann bearbeitet wird. Besonders Behörden ist es wichtig, spüren zu lassen, dass eine Antwort auf solche Mails als unerwünschte Mahnung empfunden würde, die der Sache nicht dienlich wäre.

Viele E-Mails, die wir von Dienstleistern wie Fluggesellschaften oder Kreditinstituten bekommen und ausgefüllt zurücksenden sollen, haben in Wahrheit den Zweck, Arbeit, die früher dort zu leisten war, auf uns Kunden überzuwälzen. Niemand, zum Beispiel bei der Lufthansa, wird sich mehr mit unseren Flugbuchungen beschäftigen, weil wir alles, was dazu notwendig ist, selber eintippen müssen. Sparkassen und Banken konnten ganze Abteilungen schließen oder drastisch verkleinern, weil wir mit dem sogenannten E-Banking alle Eingaben und Buchungen jetzt selber erledigen.

Wo früher ein Geschäftsbrief erst einmal gemütlich im Eingangskörbchen ruhen durfte, bis er beantwortet werden musste, wird heute eine unverzügliche Reaktion gleich nach dem Eingang der Sendung erwartet.

Natürlich ist gleichwohl der digitale Schriftverkehr ein gewaltiger Fortschritt. Aber das schöne Briefeschreiben hat er zerstört. Allenfalls als Beileidsbezeugung bei einem Trauerfall und da sogar handgeschrieben, ist der klassische Brief noch von Bedeutung.

Liebesbriefe gibt es schon lange nicht mehr. Die Jugend nutzt soziale Netzwerke, auf denen man wunderbar anbandeln und am Ende sogar den richtigen Partner finden kann. Überhaupt schlägt Amor seine Flügel heute per E-Mail oder sogar nur als Kurzmitteilung per „SMS“. „Liebe findet mit zwei Worten gläubig über Land und Meer“, dichtete dazu schon Conrad Ferdinand Meyer aus Kilchberg am Zürichsee. Das gleich auszuprobieren ist jetzt die richtige Zeit, wo der Valentinstag und bald auch ein neuer Frühling bevorstehen.

Schreiben Sie an:

Ippen@ovb.net

VON DIRK IPPEN

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