Kiew – In der ukrainischen Hauptstadt kommt Boris Pistorius der Waffenhilfe für die Ukraine plötzlich ganz nah: Bei einem Heizkraftwerk steht – sorgsam getarnt und gefechtsbereit – einer der Flugabwehrkanonenpanzer Gepard aus Deutschland. Die Besatzung verhindert, dass zivile Infrastruktur von Russland aus zerschossen wird. Mehrere Raketen und Drohnen wurden hier abgefangen. Am Dienstag bedeckt Schnee das Land und die alten Industrieanlagen. Ein improvisierter Ofen der Soldaten verqualmt die Luft. Der Panzer wird gerade nicht gebraucht. Bei Alarm jedoch kann er ganz schnell wieder in Position fahren und die Zwillingskanone gen Himmel richten.
Es sei großartig, wie die ukrainischen Soldaten das Gerät in so kurzer Zeit erfolgreich bedienten und was die Militärhilfe bewirke, sagt Pistorius. „Mir wird vor allem klar, wie stolz wir sein können – auch als Deutschland. Was wir hier leisten. Deutschland ist nach den USA zusammen mit Großbritannien der größte Unterstützer der Ukraine.“ Dass immer wieder der Eindruck erweckt wird, Deutschland mache weniger als andere oder jedenfalls nicht genug, nervt ihn.
In Kiew trifft Pistorius Präsident Wolodymyr Selenskyj und Verteidigungsminister Olexij Resnikow. Der Kollege bezeichnet ihn als „Freund der Ukraine“. „Als Boris den Ministerposten besetzte, wurde die Panzerkoalition geboren“, sagt Resnikow bei der Verleihung von Orden an seine Soldaten. Pistorius hat dazu eine Ankündigung im Gepäck: Nach der Entscheidung zur Lieferung von Leopard-2-Kampfpanzern wollen europäische Staaten auch Leopard 1 für insgesamt drei Bataillone zur Verfügung stellen – insgesamt mehr als 100.
Politisch ist die Reise eine Feuertaufe, bei der sich der neue Minister dem Hauptthema seiner Amtszeit und den zentralen Akteuren in Kiew so nah wie möglich nähert. Und auch ein Signal. Pistorius nimmt die ganze Lieferkette für die westlichen Waffensysteme in Augenschein. Er reist übers polnische Rzeszow an und besucht dort schon am Montag den zentralen Umschlagplatz für die Rüstungslieferungen. Das „Camp Nachtigall“ am Rande des zivilen Flughafens ist schwer geschützt und von Patriot-Stellungen umgeben. Die Flugabwehrraketen sind gegen mögliche Raketenangriffe in Position. Auf dem Gelände wurden Bunker gebaut.
Ohne Verteidigungsminister ist die Anlage schwer zugänglich. Denn die westlichen Partner der Ukraine nutzen das Camp als Drehkreuz für Militärfahrzeuge und Waffensysteme. Sie werden dort für den Weitertransport zusammengeführt und gecheckt. Auch zivile Vertragspartner aus aller Herren Länder sind dort beschäftigt. Sie schrauben an der Technik und verwalten Ersatzteile.
Gepanzerte Lastwagen aus US-Produktion und Geländewagen Humvee stehen gerade in größeren Stückzahlen bereit. Militärgerät steht in Reih und Glied, teils in Flecktarn oder noch bräunlich-sandfarben lackiert, wie von den US-Streitkräften im Irak genutzt. Motoren brummeln vor sich hin. Hier und da tropft Öl. Einige Fahrzeuge habe platte Reifen.
Auch deutsche Soldaten nutzen das Camp. Sie halten über den verschlüsselten Messengerdienst Signal Kontakt zu Ukrainern an der Front, um Ferndiagnosen und Reparaturhilfe zu ermöglichen. Gibt es Technikprobleme, wird aus Deutschland ein Fachmann dazugeschaltet. „Das ist effektiv, aber auch banal“, sagt ein Soldat. Inzwischen gibt es Gruppen für alle großen deutschen Waffensysteme.
In Kiew trifft Pistorius auch die ukrainischen Soldaten, die nach Deutschland abreisen, um am Leopard ausgebildet zu werden. Es ist ein emotionaler Moment. Viele kommen gerade von der Front, einige aus den erbitterten Kämpfen um Bachmut im Osten, das heute nicht einmal mehr 8000 Einwohner zählt. Schmerz und Entschlossenheit stehen einigen ins Gesicht geschrieben. Das merkt auch Pistorius. „Die Menschen in der Ukraine erteilen der Welt eine Lektion in Sachen Mut und Wehrhaftigkeit. Wir alle blicken mit Demut und Respekt auf ihre Leistungen“, sagt er.