Beim Desaster um die 2. Stammstrecke gibt es immer neue Überraschungen – zum Beispiel die Deutlichkeit, mit der nun zutage tritt, dass Bahnthemen im Umfeld des Ministerpräsidenten auf ihren politischen Nutzen abgeklopft werden. Ein nun aufgetauchtes Schreiben aus der Staatskanzlei ist bezeichnend: Da wird über ein „unwägbares Risiko“ sinniert, wenn das Thema öffentlich wird. Besorgt ist man vor allem, wenn Presse und Opposition informiert werden. Und überhaupt sei ja die 2. Stammstrecke „kein Gewinnerthema“.
Kann schon sein. Es hat aber durchaus Potenzial, sich zum Verliererthema zu entwickeln. Dann nämlich, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass in der Staatskanzlei zwar Pro und Contra der 2. Röhre stets sorgfältig abgewogen wurden – aber anders als gedacht. Nicht der Nutzen für die Fahrgäste stand offenbar im Vordergrund, sondern der Nutzen des Projekts für die CSU. Der aber erschien denkbar gering – weshalb man das Desaster vor der Bundestagswahl 2021 lieber verschwieg. Das ist in Grundzügen schon bekannt – und doch ist der Ministeriumsschrieb ein starkes Stück. Es ist nicht Aufgabe eines bayerischen Beamten, Gewinn-Chancen für die CSU auszuloten. Der Untersuchungsausschuss zur 2. Röhre könnte interessant werden.
Dirk.Walter@ovb.net