Man kann über Berlin den Kopf schütteln, man kann über Berlin lachen und man kann natürlich über Berlin schimpfen. Doch auch wenn in der sagenhaft schlecht regierten deutschen Hauptstadt vieles schiefläuft, muss man ihr eines lassen – langweilig wird es dort nicht.
Schon dass am Sonntag wieder gewählt wird, liegt nur daran, dass die Stadt beim ersten Termin im September 2021 so historisch an der Wahl-Durchführung scheiterte, dass ein Gericht die Wiederholung anordnete. Zusätzlich für Brisanz sorgen die Krawalle in der Silvesternacht. Indem die CDU nach den Vornamen der Festgenommenen fragte, vergraulte sie die Grünen und die SPD als mögliche Partner. Damit liegen die Christdemokraten seither zwar deutlich in den Umfragen vorn, finden aber womöglich niemanden, mit dem sie regieren können. Kommt es so, bliebe am Ende wohl Rot-Grün-Rot am Drücker – ohne überzeugende Regierungsbilanz, ohne Wahlsieg, aber eben mit Mehrheit. Die Union schäumt angesichts dieses Szenarios und sieht den Wählerwillen in Gefahr. Doch auch ein solches Bündnis der Verlierer stünde natürlich auf demokratischem Boden.
So spannend es also wird: In jedem Fall darf sich die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey schon jetzt für die Wahlhilfe aus Bayern bedanken. Denn dass CSU-Chef Markus Söder Berlin zuletzt als „Chaosstadt“ schmähte, dürfte der SPD-Politikerin einige Trotz-Stimmen extra bringen. Über Berlin zu schimpfen, das ist in den Augen vieler Berliner eben nur ihnen selbst erlaubt.
Sebastian.Horsch@ovb.net