München – Im Moskauer Machtzirkel mangelt es nicht an Ja-Sagern. Dass Jewgeni Prigoschin nicht dazuzählt, zeigte er zuletzt am Sonntag. Da ging eines seiner Videos online und wie so oft in den vergangenen Wochen klagte der 61-Jährige über fehlenden Nachschub an Munition. Dafür gebe es zwei Erklärungen, sagte er: „die übliche Bürokratie – oder Verrat“.
Verrat. So offen wie Prigoschin legen sich nur wenige mit der Führung in Moskau an. Der Chef der berüchtigten Söldnertruppe Wagner weiß, dass der Kreml im Krieg gegen die Ukraine auf seine Söldner angewiesen ist und setzt das als Druckmittel ein. Ebenfalls am Sonntag machte ein anderes, etwas älteres Video die Runde, in dem er offen drohte, seine Männer aus der hart umkämpften Stadt Bachmut abzuziehen. „Dann bricht die Front zusammen, dann fällt die Krim“, sagte er. Auch damals ging es um Munition.
Die Spannungen zwischen dem Wagner-Chef und dem Kreml nehmen zu – und fallen darum besonders auf. Das gut informierte britische Verteidigungsministerium interpretiert das als Zeichen für die prekäre Lage der russischen Truppen in der Ukraine. Vor allem für die Schwierigkeit, Nachschub an Munition und Personal zu bekommen.
Mit fehlender Munition haben beide Seiten Probleme. Was die Kämpfer betrifft, hat die Sache bei der Gruppe Wagner aber eine besondere Komponente: Die Privatarmee geht besonders rücksichtslos vor, auch mit den eigenen Leuten. Von den rund 50 000 Häftlingen, die sie aus russischen Gefängnissen angeworben hat, soll der Großteil binnen kürzester Zeit gefallen sein. Prigoschin schickte sie, kaum ausgebildet, als Kanonenfutter an die Front, nur um auszukundschaften, von wo aus die Ukrainer schießen. Teils sollen die Häftlinge mit Amphetaminen aufgeputscht worden sein. Inzwischen ist die Not so groß, dass Wagner laut „Moscow Times“ auch Männer mit psychischen Vorerkrankungen anwirbt.
Hintergrund dürfte auch eine Direktive aus dem Kreml sein, die es Wagner verbietet, Häftlinge aufzunehmen. Das darf nur noch das Verteidigungsministerium für die russische Armee. Prigoschin verstand das offenbar als gezielte Schwächung seiner Truppen und seiner Person. Vielleicht, weil er Wladimir Putin inzwischen zu mächtig ist?
Die oft bestrittene, aber für beide lohnende Partnerschaft zwischen Prigoschin und Putin, die schon in den 1990er-Jahren begann, scheint sich zunehmend in Konkurrenz zu wandeln; wobei nicht ganz klar ist, zu wessen Vorteil. Der Innsbrucker Politologe und Russland-Kenner Gerhard Mangott ordnete die verbalen Angriffe des Wagner-Chefs am Montag bei Twitter so ein: „Will Prigoschin mit Anlauf aus einem Fenster fallen oder ist Putin zu schwach, um ihn in die Schranken zu weisen?“
Prigoschin, so viel ist klar, strebt nach Höherem. Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski sagte schon vor Monaten, der Wagner-Chef spiele ein „doppeltes Spiel“ und bereite sich auf die Zeit nach Putin vor. Die ist zwar längst noch nicht angebrochen, erste kleine Anzeichen der Machterosion gibt es aber bereits. Die Putin-Biografin Catherine Belton sagte unlängst in einem „Spiegel“-Interview: „Die Moskauer Elite spricht über Putins mögliche Ablösung, über mögliche Nachfolger.“ Der Präsident brauche dringend einen Sieg.
Den braucht Prigoschin allerdings auch, denn der aufreibende, bislang opfer-, aber nicht siegreiche Kampf um Bachmut hat ihn Ansehen gekostet. Putin, schrieb das US-amerikanische „Institute for the Study of War“ Ende Januar, versuche darum, die russische Armee wieder zu stärken – und Wagner zu marginalisieren. „Prigoschins Stern hat begonnen zu sinken“, heißt es dort. Vielleicht erklärt auch das seine verbalen Attacken.