Sabotage bei Nord Stream

Die Attacken gut gemeistert

von Redaktion

VON MIKE SCHIER

Die Zerstörung der Ostseepipelines Nord Stream 1 und 2 ist und bleibt eine große Spielwiese für Verschwörungstheoretiker aller Länder – daran ändern auch die jüngsten Enthüllungen wenig. Neulich hatte der frühere US-Enthüllungsreporter Seymour Hersh noch behauptet, die USA steckten hinter der Sabotage, jetzt führen die Hinweise offenbar zu pro-ukrainischen Gruppen. Doch welcher Nationalität die vermeintlichen Täter angehören, weiß man nicht. Und Verteidigungsminister Boris Pistorius mutmaßt sogar über eine False-Flag-Aktion (dann womöglich der Russen). Kurz: Jeder darf weiter glauben, was ihm ins Weltbild passt. Man muss bezweifeln, dass der Vorgang jemals lückenlos geklärt wird.

Wesentlich leichter ist es, ein knappes halbes Jahr nach den Explosionen ihre Folgen zu analysieren. Die Zerstörung der Pipelines hat die Unabhängigkeit Europas von russischem Gas quasi erzwungen (was durchaus ein Motiv der USA und der Ukraine wäre) und Deutschland vermutlich viele quälende Debatten erspart. Man darf ja nicht vergessen: Wladimir Putin hatte mit dem Gashahn bis Herbst eine richtige Waffe in der Hand, mit der er die deutsche Debatte nach Belieben zu steuern drohte.

Heute kommt unser Gas, meist Flüssigerdgas LNG, über Norwegen, die Niederlande und Belgien ins Land. Die Speicher sind – dank des milden Winters und umsichtiger Politik – besser gefüllt, als Berufspessimisten geunkt hatten. Und selbst die Energiewende bekommt parteiübergreifend einen unerwarteten Schub. So bleibt die Sabotage ein erschreckender, undurchsichtiger und krimineller Akt. Die Folgen aber haben wir gut gemeistert.

Mike.Schier@ovb.net

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