München – „Ich war früher sehr schüchtern“, hat Kerstin Schreyer (51) dieser Tage im Interview gesagt. Das scheint sich, vorsichtig ausgedrückt, erledigt zu haben. Die CSU-Abgeordnete aus dem Landkreis München wird längst als eher forsch wahrgenommen, jedenfalls nicht als konfliktscheu. In ihrer Partei legt sie sich nun öffentlich mit dem Boss an. Sie wünscht sich nach Markus Söder lieber Ilse Aigner, machte Schreyer im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich. „Bayern ist reif für eine Ministerpräsidentin.“
Die Spitze ist genau platziert – zum Weltfrauentag. Nein, sagt Schreyer anderntags freundlich, Söders Stelle sei aktuell nicht frei, ihr gehe es doch darum, wie man Frauen verstärkt in Führungspositionen bringe. In weiten Teilen der CSU werden ihre Zwischentöne freilich anders verstanden. Schreyer ließ ja durchblicken, dass sie Söders Auftreten kritisch sieht. Frauen verstünden, so sagte sie, dass „auf ein Foto mehrere Menschen passen“. Aus der gut 80-köpfigen Landtagsfraktion, in der Söder überwiegend Unterstützer hat und seine Handvoll Kritiker bisher schweigen, ragen solche Sätze heraus. Es ist Wahljahr, und Söder hat sich in den Umfragen um und knapp über 40 Prozent stabilisiert.
Das Verhältnis Schreyer/ Söder ist schon länger schwer belastet. 2021 häufte sich seine Kritik an der Arbeit der damaligen Bau- und Verkehrsministerin. Der Wohnungsbau stockte, bei Verkehrsprojekten hakte es. All das nicht von ihr unmittelbar verschuldet, er traute der Ministerin aber nicht mehr zu, die Themen ins Positive zu wenden. Im Februar 2022 baute er sein Kabinett um, entließ Schreyer und ersetzte sie durch den Niederbayern Christian Bernreiter. Sieben Jahre älter und ein Mann.
Mit der Enttäuschung sei die liebe Kerstin nicht fertig geworden, murmeln Söder-Vertraute. „Alles hat seine Zeit“, beteuerte Schreyer, verarbeitete ihre Entlassung aber in mehreren Interviews. Unter anderem fand ein Schreiben des Hauptpersonalrats den Weg in die Zeitung, der Schreyer explizit das Vertrauen aussprach.
Der Streit ist seither schärfer geworden. Inzwischen kocht auch die Polit-Debatte um eine Vertuschung des Kostendebakels bei der zweiten S-Bahn-Stammstrecke hoch, ein Untersuchungsausschuss läuft. Da sind Vermerke öffentlich geworden, mit denen die damalige Ministerin Schreyer die Staatskanzlei früh über eine drohende Kostenexplosion und Terminverschiebung informierte. Seine Beamten empfahlen Söder eine Hinhaltetaktik.
Die Ex-Ministerin suchte zudem nach ihrer Entlassung eine Machtprobe mit Söder in der Fraktion. In einer Kampfabstimmung setzte sie sich gegen, so sagt man, einen von ihm unterstützten Kandidaten als Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses durch. Es wäre übertrieben, darin einen Aufstand der Fraktion gegen Söder zu sehen; ein Hauch Emanzipation war es aber allemal.
Und nun? Eine neue Achse gegen Söder, etwa aus Aigner, Schreyer und Parteivize Manfred Weber ist nicht in Sicht. Es gibt auch keinen offenen Eklat; in ihren Landtagsreden stellt sich Schreyer hinter den Chef. Die beiden dürften sich einfach in stabiler Skepsis verbunden bleiben. Zurückholen in sein Kabinett wird er sie nie. Als Kandidatin für den Fraktionsvorsitz sehen sie auch nur außergewöhnlich wohlwollende Beobachter. Ihre Wiederwahl in den Landtag hingegen ist sehr wahrscheinlich, Schreyer ist von ihrer Basis seit September mit über 96 Prozent nominiert.
CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER