Rätsel um die Pipeline-Anschläge

von Redaktion

VON LEONIE HUDELMAIER

München – Es ist der 6. September 2022. Ein Kapitän, zwei Taucher, zwei Tauchassistenten und eine Ärztin betreten am Hafen in Rostock eine gemietete Jacht. Die geheime Mission ist also nicht ganz ungefährlich, wenn medizinisches Personal an Bord geht. Die Vorbereitungen liefen präzise ab: Mit gefälschten Reisepässen wurde das Boot gemietet. Die umfangreiche Ausrüstung wurde schon vorher mit einem Lieferwagen an den Hafen gebracht. Dann sticht das Team in See.

Am Tag darauf legt die Truppe im vorpommerschen Wieck am Darß an – rund 55 Kilometer Seeweg von Rostock entfernt. Etwas später verläuft sich die Spur bei der etwa 175 Kilometer entfernten dänischen Insel Christiansö. Knapp drei Wochen danach, am 26. September 2022, werden die Pipelines Nord Stream 1 und 2 gesprengt – an insgesamt vier Stellen. Ermittler finden später auf dem Tisch des gecharterten Boots Spuren von Sprengstoff.

Was wie ein Drehbuch für einen Krimi klingt, soll sich laut neuesten Recherchen der ARD und der „Zeit“ tatsächlich so in den Gewässern der Ostsee abgespielt haben. Besonders brisant: Der „New York Times“ zufolge hat die US-Regierung Hinweise darüber, dass es sich bei den Sprengstoff-Tätern um eine „pro-ukrainische Gruppe“ handelt. Angemietet worden soll die Jacht von einer Firma mit Sitz in Polen sein. Die Besitzer aber sollen zwei Ukrainer sein. Auftraggeber: unbekannt.

Die großen Fragen, wer genau dahintersteckt oder warum und wie der Anschlag überhaupt erfolgte, bleiben ungeklärt. Geheimdienste und Ermittler hüllen sich in Schweigen. Nur eines teilt die Bundesanwaltschaft offiziell mit: Vom 18. bis 20. Januar 2023 wurde ein Schiff durchsucht. Sprengsätze für die Pipeline-Sprengung könnten darauf transportiert worden sein – so der Verdacht.

Die Ermittlungen dauern an. Wohl auch dahingehend, ob die Spuren ganz bewusst gelegt worden sind, um die Ukraine zu belasten – also eine Mission unter falscher Flagge (False-Flag-Aktion). Joachim Krause, Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, äußert sich über die neuesten Erkenntnisse skeptisch gegenüber unserer Zeitung. „Ich sehe erhebliche Widersprüche zwischen dem, was vor einigen Monaten die schwedischen Untersuchungsbehörden berichtet haben, und dem, was die jetzt vorliegenden Informationen suggerieren“, sagt Krause. „Wenn ein derart kleiner Kommandotrupp auf einer gemieteten Sportjacht für die Anschläge verantwortlich gewesen sein soll, wieso haben die solche Unmengen Sprengstoff verbraucht? Weniger hätte es auch getan“, sagt der Sicherheits-Experte.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius warnt davor, „voreilige Schlüsse zu ziehen“. Auch er bringt eine False-Flag-Operation ins Spiel. „Das wäre nicht das erste Mal in der Geschichte solcher Ereignisse“, erklärt er. Pistorius mahnt außerdem dazu zu differenzieren: „Wir müssen deutlich unterscheiden, ob es eine ukrainische Gruppe war – also im ukrainischen Auftrag gewesen sein könnte – oder eine pro-ukrainische ohne Wissen der Regierung.“

In jedem Fall kommt die neueste Entwicklung dem von Russland angegriffenen Land denkbar ungelegen. Kiew weiß, dass solche Berichte die Solidarität mit der Ukraine schwächen könnten. „Wir stehen nicht hinter dieser Tat“, sagt der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow. Kiew stellt klar, „keine Informationen über ‚pro-ukrainische Sabotagegruppen‘“ zu haben.

Für Russland sind die neuesten Meldungen ein gefundenes Fressen, um erneut den Westen zu attackieren. Solche Informationen würden von denjenigen gestreut, „die im Rechtsrahmen keine Untersuchungen führen wollen, und versuchen, mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit des Publikums abzulenken“, erklärt Maria Sacharowa vom russischen Außenministerium. Moskau macht schon lange die Geheimdienste der USA und Großbritannien für den Anschlag verantwortlich.

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