Corona-Knick in der Intelligenzkurve

von Redaktion

VON PAMELA DOERHOEFER

Frankfurt/Augsburg – Studien belegen, was man auch ohne wissenschaftlichen Hintergrund ahnen kann: Viele Kinder litten – und leiden noch – unter Stress, unter Angst und psychischen Störungen, sie legten durch Bewegungsmangel Gewicht zu, gerieten durch Unterrichtsausfall in Bildungsrückstand. Noch nicht gut erforscht sind indes die Auswirkungen auf die Intelligenz, so weit sich das in Tests messen lässt.

Wissenschaftler der Universität Trier und der Technischen Universität haben das nun für Mädchen und Buben der Klassenstufen sieben bis neun untersucht – die erste empirische Studie zu diesem Thema. Ihre im Fachmagazin „Plos One“ veröffentlichte Arbeit zeigt, dass die Schüler etwa sechs Monate nach Beginn der Pandemie schlechter in einem Intelligenztest abschnitten als Vergleichsgruppen 2002 und 2012. Zwar bewegte sich der gemessene Zuwachs an Intelligenz in den folgenden zehn Monaten wieder in einem Bereich, wie er vor der Pandemie üblich war, der Rückstand zu den Vorjahren wurde allerdings nicht aufgeholt.

Die Forscher hatten für ihre Studie die Leistungen von 424 Schülern aus regulären Klassen und Hochbegabtenklassen an vier Gymnasien in Rheinland-Pfalz untersucht. Dafür nutzten sie den Berliner Intelligenzstrukturtest für Jugendliche, in dem es um Merkfähigkeit, Bearbeitungsgeschwindigkeit und Verarbeitungskapazität, um Einfallsreichtum und Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen, Wörtern und Figuren geht. Aus den Teilbereichen wird ein Wert für die „Allgemeine Intelligenz“ ermittelt.

Der erste Test lief im August/September 2020, als die Kinder mehr als zwei Monate Schulschließungen, den Wechsel zwischen Fernunterricht und Unterricht in kleinen Gruppen sowie die Sommerferien hinter sich hatten. Die Ergebnisse verglichen die Wissenschaftler mit denen von Schülern gleichen Alters, gleichen Klassentyps und gleicher Klassenstufe aus den Jahren 2002 und 2012.

Die Analyse ergab, dass der Mittelwert der Allgemeinen Intelligenz 2002 bei 112 IQ-Punkten lag, im Jahr 2020 betrug er nur noch 105 IQ-Punkte. Beim Vergleich mit den Testergebnissen aus 2012 fiel das Delta noch größer aus. Die Studienautoren glauben deshalb, dass der Unterschied bei den Leistungen sich nicht als die Fortsetzung eines bereits länger andauernden Abwärtstrends deuten lässt.

16 Monate nach Pandemiebeginn testeten sie die 424 Schüler erneut. Im Vergleich zu Spätsommer 2020 erreichten diese einen durchschnittlichen Zuwachs von knapp acht IQ-Punkten – eine Größenordnung, wie sie unter „normalen“ Bedingungen erwartbar sei, aber „ohne Anzeichen eines Aufholens“, wie es in der Studie heißt.

Nach Ansicht der Autoren liefern ihre Ergebnisse Anzeichen dafür, dass eine längere Unterbrechung des regulären Unterrichts zu Defiziten in der intellektuellen Leistungsfähigkeit führen und die Entwicklung der Intelligenz negativ beeinflussen kann.

Klaus Zierer, Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, hält es für plausibel, dass sich auch die „Digitalisierung der Lebenswelt, die seit 2012 bis heute dramatisch zugenommen“ und in der Pandemie „nochmals Schwung bekommen hat“, auf die Intelligenzentwicklung ausgewirkt hat. Ein solcher negativer Einfluss sei etwa für die Nutzungsdauer und -art von Smartphones belegt. Zierer kritisiert zudem, dass viele Maßnahmen zum Pandemie-Abfedern zwar angekündigt, „aber nie wirklich umgesetzt“ worden seien, etwa die Sommerschule.

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