Frankfurt – „Nein, wir bitten nicht um den Segen. Weil wir immer Bittsteller wären. Unsere tiefe Überzeugung ist: Wir schenken uns selbst den Segen. Unsere Liebe ist gottgewollt.“ Die offenen Worte von Mirjam Gräve, die mit einer Frau verheiratet ist, verfehlten ihre Wirkung nicht am zweiten Tag der Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt.
Gräves Plädoyer, bislang verbotene Segensfeiern für homosexuelle Paare und wiederverheiratete Geschiedene aus der Grauzone zu holen, wurde verstanden. Als dann noch zum Schluss einer leidenschaftlichen Debatte der Antwerpener Bischof Johan Bonny davon berichtete, dass die belgische Kirche bereits Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt habe und der Papst ihm gesagt habe: „Das ist Ihre Entscheidung“ – es müssten nur alle Bischöfe dahinterstehen, da hat auch die Mehrheit der deutschen Bischöfe ihre Bedenken abgeschüttelt. 176 von 202 Synodalen stimmten für den Vorschlag, 14 waren dagegen, 12 enthielten sich. Von den Bischöfen stimmten 80 Prozent für die Einführung einer Segnung. Der Aachener Bischof Helmut Dieser, der federführend an dem Text mitgearbeitet hatte, zeigte sich erleichtert. An die Adresse der homosexuellen Paare und Wiederverheirateten sagte er: „Sie gehören zu uns in die Mitte der Kirche.“
In der Debatte hatten die bayerischen Bischöfe Stefan Oster (Passau), Gregor Maria Hanke (Eichstätt) und Rudolf Voderholzer (Regensburg) ihre strikte Ablehnung zu solchen Feiern zum Ausdruck gebracht. Voderholzer befürchtete, dass nach Einführung von Segensfeiern dann auch die „Ehe für alle“ gefordert werde. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx plädierte indes dafür, Segensfeiern zuzulassen.
Beschlossen wurde ebenfalls nach langer Debatte, dass qualifizierte Frauen und Männer auch in Messen predigen dürfen. Bislang ist das offiziell nur Geistlichen erlaubt. Die zunächst im Text enthaltene Forderung, dass Nichtgeweihte auch die Taufe spenden, bei kirchlichen Trauungen assistieren und die Krankensalbung übernehmen können, wurde nach einem Sondervotum der Bischöfe gestrichen und in einen Konsultationsprozess verwiesen. Ohne das hätte es wohl keine Zweidrittel-Mehrheit der Bischöfe gegeben. Der Augsburger Bischof Bertram Meier sorgte sich, „dass Kleriker immer mehr zurückgedrängt werden. Da stellt sich die Frage: Wofür braucht es die Geweihten noch?“ Zahlreiche Synodale fühlten sich erpresst von den Bischöfen. BDKJ-Bundesvorsitzender Gregor Potschun ärgerte sich darüber, dass die Bischöfe die Texte weichspülten: „Der Synodale Weg ist doch ein Witz, wenn wir immer nur beschließen, etwas zu prüfen und weiter zu beraten.“ Gudrun Lux aus München schimpfte: „Die Erpressung war Ausdruck des Machtmissbrauchs der Bischöfe nach dem Motto: Macht, was wir wollen, sonst Sperrminorität.“ Das werde sie nicht noch einmal unterstützen.
Weitere höchst umstrittene Fragen werden noch behandelt: der Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt und die Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern. „Es ist höchste Zeit, dass Sie uns entgegenkommen“, rief Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der Katholiken, den Bischöfen zu. CLAUDIA MÖLLERS