Athen – Es war ihr allerletzter Funkkontakt am 28. Februar vor der Katastrophe. Der Lokführer des IC 62 fragt: „Vassilis, fahre ich jetzt los?“ Der Stationsvorsteher in der griechischen Stadt Larissa antwortet: „Fahr los, fahr los.“ Lokführer: „Schönen Abend.“ Stationsvorsteher: „Alles Gute.“ Wenige Minuten später ist der Lokführer tot, 56 weitere Menschen sterben und der Bahnhofsvorsteher von Larissa wird verhaftet.
Seither ist der Unmut über die Regierung gewaltig. Und er wächst. Tag für Tag. Für viele ist das Unglück die Konsequenz jahrelanger Sparpolitik sowie der Misswirtschaft bei der Bahn. Auch am Sonntag gingen tausende Menschen auf die Straße. Einige Teilnehmer forderten den Rücktritt des konservativen Regierungschefs Kyriakos Mitsotakis. Auch Jannis, 22, Politik-Student in Athen, protestiert. „Der Staat respektiert uns nicht, er tötet uns sogar“, sagt er. Ein weiterer 24-stündiger Generalstreik findet am Donnerstag statt.
Befeuert wird die explosive Stimmung durch das Verhalten des Transportministers Kostas A. Karamanlis. Der hat acht Tage vor der Tragödie im Athener Parlament einen Abgeordneten vom oppositionellen „Bündnis der Radikalen Linken“ (Syriza) rüde angegangen – weil er ihn mit der mangelhaften Sicherheit im Zugverkehr seines Wahlkreises konfrontierte. „Das ist eine Schande. Ich schäme mich dafür, dass Sie die Zug-sicherheit infrage stellen.“
Später trat er zwar kleinlaut zurück. Seinen Sitz im Parlament behält er aber. Gäbe er sein Mandat ab, verlöre er seine Immunität. Angesichts der anrollenden Klagewelle würde er somit juristisch eine Angriffsfläche bieten. Strafverfahren haben die griechischen Behörden bisher nur gegen vier Bahnangestellte eingeleitet, den Bahnhofsvorsteher inklusive.
Richtig auf die Palme bringt Karamanlis die Griechen damit, dass er bei den bevorstehenden Parlamentswahlen offenbar erneut für die konservative Regierungspartei Nea Dimokratia (ND) antreten will. Auch Premier Mitsotakis’ Reaktion auf das Unglück sorgt für Empörung. Zunächst schob er dem offenkundig überforderten Bahnhofsvorsteher den Schwarzen Peter für die Tragödie zu. Nachdem sich in der griechischen Öffentlichkeit ein regelrechter Shitstorm über ihn ergossen hatte, bat er um Verzeihung.
Bereits Mitsotakis’ Pandemie-Management, die Bevorteilung von Oligarchen, der Absturz Griechenlands auf Platz 108 in der Weltrangliste der Pressefreiheit und die Korruptionsvorwürfe gegen eine Reihe von ND-Politikern zeigen: Die konservative Regierung verliert den Rückhalt ihrer Wähler. Schon vor der Zug-Tragödie hatte sich abgezeichnet, dass Mitsotakis mit seiner allein regierenden ND beim kommenden Urnengang deutlich hinter dem Ergebnis von 39,85 Prozent beim Wahltriumph 2019 zurückbleiben wird. Umfragen gaben der ND dennoch zuletzt bis zu 35 Prozent der Stimmen, etwa fünf bis sieben Prozentpunkte vor Syriza unter Ex-Premier Alexis Tsipras.
Dann kam die Zäsur. Eine Umfrage des regierungsnahen Meinungsforschungsinstituts Marc sieht die ND in der aktuellen Sonntagsfrage bei 29,6 Prozent der Stimmen. Das sind 2,9 Prozentpunkte weniger als in der Umfrage vor der Katastrophe.
Noch steht der genaue Termin für die Wahlen 2024 nicht fest. Ursprünglich wollte Mitsotakis, der als Premier das alleinige Recht hat, den Termin festzulegen, Neuwahlen für den 9. April ausrufen, hieß es in Athen. Das Datum ist jetzt definitiv vom Tisch. Auf die lange Bank kann er das aber nicht schieben. Die Wahl muss nämlich bis spätestens Sommer dieses Jahres stattfinden.