Schusswechsel im Wohnzimmer

von Redaktion

VON SOPHIA WEIMER

Reutlingen – Die Stille rund ums Haus wird am Vormittag plötzlich zerrissen von fünf Knallgeräuschen. Danach herrscht wieder Ruhe, ein wenig Vogelgezwitscher hier und dort. Nichts deutet mehr darauf hin, dass sich hier eben noch dramatische Szenen abgespielt haben.

In dem Haus in der Wohnstraße in Reutlingen soll ein mutmaßlicher Reichsbürger leben, die Polizei rückt mit einem Spezialeinsatzkommando an. Doch der Mann wartet bereits im Wohnzimmer mit einer scharfen Waffe, so wird es die Bundesanwaltschaft später schildern. Es kommt zum Schusswechsel, ein SEK-Beamter wird getroffen und verletzt.

Am Mittag sind die Rollos heruntergelassen, das Haus ist geräumt, Einsatzkräfte gehen konzentriert ein und aus. Später stellt sich heraus: Das Knallen kam aus der Wohnung des Verdächtigen, die Ermittler haben eine Tür aufgesprengt.

Überall sei Polizei gewesen am frühen Morgen, schildern Nachbarn. Die Straßen um das Haus herum sind gesperrt, Flatterband und Polizisten halten Schaulustige vom Ort fern. Die Nachbarn sind auch am Nachmittag noch in einer Halle untergebracht. Aber was genau ist passiert? Wohnte wirklich jemand aus dem Reichsbürger-Milieu dort? Das weiß kaum jemand. Nach dpa-Informationen ist der Verdächtige Sportschütze, er besaß legal mindestens eine Waffe. Womöglich mehrere.

Für die Polizisten sei das ein lebensgefährlicher Einsatz gewesen, sagt Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU). Er verschafft sich einen Eindruck vor Ort, spricht mit den Einsatzkräften. Es sei ein großes Glück, dass der Polizist nicht lebensgefährlich verletzt worden sei, sagt er, betont aber auch: „Das ist immer eine schlimme Sache, wenn ein Polizeibeamter durch einen Schuss verletzt wird.“

Was passieren kann, was bereits passiert ist, zeigt ein Fall, in dem am Freitag in Stuttgart ein Urteil gesprochen werden soll – ebenfalls gegen einen mutmaßlichen Reichsbürger. Er soll im vergangenen Jahr einen Polizisten nach einer Verfolgungsjagd mit seinem Auto absichtlich angefahren und nach mehreren Metern von der Motorhaube geschleudert haben. Der Beamte erlitt damals schwere Kopfverletzungen, leidet bis heute an einer posttraumatischen Belastungsstörung und ist arbeitsunfähig.

Rechtskräftig ist bereits die Verurteilung eines fränkischen Reichsbürgers zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen tödlicher Schüsse auf Polizisten in Georgensgmünd. Der Mann hatte Mitte Oktober 2016 auf SEK-Beamte geschossen und einen 32 Jahre alten Polizisten getötet. Auch zwei weitere Polizisten wurden verletzt. „Das sind staatsfeindliche, sehr gefährliche, gewaltbereite Leute, die auch eine hohe Waffenaffinität haben“, sagt Strobl.

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft sollte die Wohnung des Mannes in Reutlingen eigentlich durchsucht werden, weil er als Zeuge galt. Am selben Morgen und zeitgleich gibt es an mehreren anderen Orten Durchsuchungen, bei denen fünf Personen festgenommen werden. Sie stehen im Zusammenhang mit einer Groß-Razzia gegen die Reichsbürger-Szene Anfang Dezember, die sich unter anderem gegen einen Adeligen als mutmaßlichen Rädelsführer gerichtet hatte.

Doch in Reutlingen eskaliert die Situation: Die Polizei habe zunächst mit Rufen auf sich aufmerksam gemacht, so die Bundesanwaltschaft. Im Wohnzimmer treffen die Beamten auf den Mann, der mit einer großkalibrigen Schusswaffe auf sie zielt.

Die SEK-Beamten hätten ihn aufgefordert, die Waffe wegzulegen, so schildert es die Ermittlungsbehörde. Der Mann, ein Deutscher, folgt demnach nicht – es kommt zum Schusswechsel, ein Polizist wird in den Arm getroffen. Schließlich ergibt sich der Mann. Nun ist er nicht mehr Zeuge, sondern Tatverdächtiger. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen mehrfachen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung gegen ihn.

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