So löst Polizei Aktivisten von der Straße

von Redaktion

VON ELKE RICHTER

München – Nein, angenehm ist es wirklich nicht. Zwar pinselt der Polizist die Lösungsmittel durchaus gefühlvoll unter die an einem Pflasterstein festgeklebte Hand. Aber wenn er dazu den Zeigefinger ein kleines bisschen anhebt, zerrt das so sehr an der Handfläche, dass man regelrecht spürt, wie sich die oberste Hautschicht gleich von der darunterliegenden losreißen wird – was hin und wieder auch passiert. Dennoch kleben sich Klimaaktivisten freiwillig auf Deutschlands Straßen fest. Doch wie kommen sie da wieder weg?

Besuch beim „Glue-on-Team“ des Münchner Polizeipräsidiums. Die Beamten schwören nach vielen Selbstversuchen auf eine Mischung aus Speiseöl und Seifenlauge. Aceton setzen sie wegen der Gesundheitsgefahren nur im Notfall ein. Zwei-Komponenten-Kleber wiederum ist im Gegensatz zu Sekundenkleber derart hartnäckig, dass die Fahrt ins Krankenhaus nötig wird – mit dem herausgemeißelten Bodenbelag an der Hand. Weswegen sich nahezu alle Aktivisten auf Sekundenkleber beschränken.

Um den zu lösen, haben die Münchner Polizisten neben der rosafarbenen Seifenlauge im Mischverhältnis 1:1 und dem handelsüblichen Speiseöl Pinsel in verschiedenen Größen in ihrer schwarzen Einsatztasche, dazu Spatel und Mullbinden. Mit dem Verbandsmaterial können sie die glitschige Mischung besonders schmerzarm an die Klebekante befördern, indem sie wie mit einer Zahnseide unter der Hand hin und her fahren.

Alle paar Minuten gießt Polizeihauptmeister Can Palabiyik warmes Wasser über die Hand auf dem Pflasterstein, die bei mittleren einstelligen Temperaturen überraschend schnell auskühlt und eine lila Färbung annimmt. Eine halbe Stunde dauert das Ablösen je nach Beschaffenheit des Untergrunds und der verwendeten Klebermenge leicht. Es kann aber auch eine gute Stunde werden. Entsprechend seien die in der Regel kooperativen Umweltaktivisten am Ende oft froh, abgelöst zu werden, schildert der Leiter der Abteilung, Michael Trinkl.

Seine Leute bemühten sich grundsätzlich, möglichst schonend vorzugehen, betont Trinkl – was von den Aktivisten geschätzt wird. „Ich habe tatsächlich ausschließlich gute Erfahrungen gemacht mit der Polizei in München“, bestätigt Andreas Hochenauer von der Klimaschutzbewegung „Letzte Generation“. Deren Aktivisten blockieren seit gut einem Jahr vor allem in den Metropolen wie Berlin, Hamburg und München den Verkehr. Die Gruppe selbst hat bis zum 24. Januar, dem Jahrestag der ersten Aktion in Berlin, 1250 Straßenblockaden in ganz Deutschland gezählt, rund 800 Menschen hätten sich beteiligt. Mehr als 1200 Mal seien Protestierende deswegen in Polizeigewahrsam gekommen. In Bayern zählte das Innenministerium bis Anfang Januar 30 vollendete Blockadeaktionen. Das Münchner „Glue-on-Team“ musste nach eigenen Angaben bisher 35 Mal ausrücken. Dazu zählten neben Straßenblockaden aber auch Aktionen in Unternehmen oder Museen.

In München werden die Löseaktionen immer gefilmt. „Denn in seltensten Fällen kommt es schon mal vor, dass die Leute beim Lösen leichte Verletzungen erleiden“, räumt Trinkl ein. In der Landeshauptstadt sei bislang aber nur eine junge Frau betroffen gewesen, die sich zwei Mal am gleichen Tag mit derselben Hand festgeklebt habe. Normalerweise bleiben nur Kleberreste auf der Hand zurück – und eine etwas empfindlichere Rötung. Beides vergeht in der Regel binnen eines Tages. Angst hat Hochenauer deshalb weniger vor dem Ablösen als vor Angriffen wütender Autofahrer – in Berlin fuhr einer einem sitzenden Aktivisten über den Fuß.

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