Für Joe Biden dürfte es eine emotionale Reise werden: Der irischstämmige US-Präsident besucht die irische Insel, um 25 Jahre Karfreitagsabkommen zu begehen. Man hat im Rest Europas schon fast vergessen, wie selbstverständlich in den 70er- und 80er-Jahren täglich Tote aus Nordirland vermeldet wurden. Im Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken starben 3700 Menschen, 47 500 wurden verletzt. Um das in Relation zu setzen: In Nordirland leben kaum mehr Menschen als in München. Jeder kannte ein Opfer – und viele auch die Täter.
Unter Führung und Vermittlung der Amerikaner gelang damals Unglaubliches: Todfeinde setzten sich an einen Tisch. Frühere Terroristen verhandelten mit Menschen, deren Angehörige gestorben waren. Dass am Ende ein Abkommen stand, das bis heute den Frieden wahrt, ist noch immer ein kleines Wunder der Diplomatie – und trotz aller aktuellen Probleme Anlass zum Feiern.
Doch Biden kommt für mehr als Festivitäten. Nicht zuletzt dank der Spielchen des Nicht-Diplomaten Boris Johnson haben sich die Spannungen in Nordirland wieder verschärft. Die protestantisch-unionistische Partei DUP blockiert jegliche Regierungsbildung, auch die Terrorgefahr wächst wieder. Das Abkommen müsste nach 25 Jahren an neue Realitäten angepasst werden. Man darf hoffen, dass Biden hier einen Vorstoß versucht.
Mike.Schier@ovb.net