München – Kein Handy, kein Internet, vorgetäuschte Reisen und falsche Aufenthaltsorte: Ein Ex-Offizier der russischen Präsidentengarde hat in einem Interview über Wladimir Putins paranoides Leben ausgepackt. Gleb Karakulow war als Hauptmann im Föderalen Schutzdienst (FSO) von 2009 bis 2022 für die geheime Kommunikation des Präsidenten zuständig. Weil er nicht länger für einen „Kriegsverbrecher“ arbeiten wollte, floh er im Herbst 2022 mit Frau und Tochter über Kasachstan Richtung Istanbul.
Dem Dossier Center des Kreml-Kritikers Michail Chodorkowski schilderte Karakulow, wie sehr sich Putin seit 2009 verändert habe: Dies seien „zwei verschiedene Menschen“. Putin lebe in einem „Informationskokon“, seine Residenzen seien „Bunker“. Er habe krankhafte Angst vor Anschlägen und ansteckenden Krankheiten. Deshalb benutze er weder Internet noch Handy. Wer mit Putin in Kontakt komme, müsse vorher zwei Wochen in Quarantäne. Putins Büros sähen in allen Residenzen gleich aus, sodass man nie wisse, wo er sich aufhalte. „Egal, ob in Sankt Petersburg, Sotschi oder Nowo-Ogarjowo, alles ist identisch“, sagt Karakulow. Reisen würden vorgetäuscht um „erstens, den ausländischen Geheimdienst zu verwirren, und zweitens, um Anschläge auf sein Leben zu verhindern“.
Die Abschottung führe dazu, dass Wladimir Putins „Blick auf die Realität verzerrt“ sei, so der Überläufer. Das zeige sich auch im Hinblick auf den Angriff auf die Ukraine: „Ein vernünftiger Mensch des 21. Jahrhunderts, der objektiv alles betrachtet, was in der Welt geschieht, geschweige denn einer, der die Entwicklung zumindest mittelfristig vorhersehen kann, hätte diesen Krieg nicht zugelassen.“ KLAUS RIMPEL