München/Moskau – Der Korrespondent Evan Gershkovich der renommierten US-Tageszeitung „Wall Street Journal“ wurde Ende März wegen Spionageverdachts in der russischen Millionenstadt Jekaterinburg im Ural vom russischen Geheimdienst FSB festgenommen – dem FSB zufolge, „als er versuchte, geheime Informationen zu beschaffen“. Die Stadt liegt 1800 Kilometer östlich von Moskau. Vorläufig ist der 1991 geborene Reporter bis zum 29. Mai in Untersuchungshaft.
Gershkovich hat die Vorwürfe des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB „kategorisch“ zurückgewiesen und betont, er sei lediglich als Journalist in Russland. Der Fall des 31-Jährigen ist als „streng geheim“ eingestuft. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 20 Jahre Freiheitsentzug. Gershkovich ist der amerikanische Sohn jüdischer Exilanten aus der Sowjetunion.
Die Affäre Gershkovich hat die ohnehin gespannten Beziehungen zwischen Washington und Moskau weiter belastet. Spitzenvertreter der Demokraten und Republikaner im US-Senat haben zuletzt in einer gemeinsamen Erklärung die Festnahme des US-Journalisten verurteilt und seine sofortige Freilassung verlangt. „Wir verurteilen entschieden die gezielte Festnahme dieses US-Bürgers und Reporters des ,Wall Street Journal‘“, erklärten der Demokrat Chuck Schumer und der Republikaner Mitch McConnell in seltener Einmütigkeit. „Journalismus ist kein Verbrechen“, betonten beide. Die „unbegründeten, fabrizierten Vorwürfe“ gegen Gershkovich müssten fallen gelassen werden.
Zuvor hatte US-Präsident Joe Biden die russischen Vorwürfe am Freitag bereits „lächerlich“ genannt und ebenfalls Gershkovichs Freilassung gefordert. Washington wirft Moskau seit Längerem vor, willkürlich US-Bürger festzunehmen, um sie gegen inhaftierte Russen auszutauschen.
In einem offenen Brief (siehe Artikel rechts) an den russischen Botschafter in Berlin, Sergei Jurjewitsch Netschajew, setzen sich auch deutsche Redaktionen und Medienschaffende für ihren amerikanischen Kollegen ein. Auch die Redaktion unserer Zeitung beteiligt sich an der Aktion.