Washington/Kiew/Moskau – Seit Wochen kursieren in sozialen Netzwerken offensichtlich geheime Dokumente von US-Stellen zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine. In den USA berichten seit Tagen Medien über das sensible Material zu beiden Kriegsparteien, ohne die heiklen Dokumente selbst zu veröffentlichen. Die Unterlagen beinhalten US-Medienberichten zufolge unter anderem Informationen zu Waffenlieferungen an die Ukraine und Angaben zum Munitionsverbrauch, das Pentagon stuft sie als „sehr hohes Risiko für die nationale Sicherheit“ ein. Einige der als „geheim“ gekennzeichneten Schriftstücke stammten vom Februar und März, wie das Nachrichtenportal „Politico“ berichtete.
Analysen und Informationen zu anderen Ländern, wie zum Beispiel China oder Israel, seien ebenfalls in den Dokumenten enthalten, schrieb die „Washington Post“. Auch sei teilweise zu erkennen, mit welchen Methoden die US-Geheimdienste die Informationen gesammelt hätten und wer die Quellen seien. Die Unterlagen stammten demnach von verschiedenen US-Geheimdiensten und sogar vom Oberkommando der US-Streitkräfte.
Unklar ist, wer die Dokumente veröffentlicht hat. Der Maulwurf wird jetzt fieberhaft gesucht. Die Ermittlungen richteten sich zuerst nach innen, berichtete CNN unter Berufung auf Regierungskreise. Solche Verstöße gehörten zu den schwersten Verbrechen, die es in Bezug auf die nationale Sicherheit gebe, sagte eine ehemalige Anwältin der US-Luftwaffe dem „Wall Street Journal“.
Die Dokumente könnten der Ukraine und den USA gleich in mehrfacher Hinsicht schaden. Zwar seien sie schon einige Wochen alt, dennoch könnten sie Moskau wertvolle Informationen liefern, sagte Dmitri Alperovitch, Vorstand der Denkfabrik Silverado Policy Accelerator, der „Washington Post“. Außerdem machten die Dokumente deutlich, wie weitgehend Russlands Sicherheitsapparat von US-Geheimdiensten durchdrungen sei, schrieb die „New York Times“. Das gebe Moskau Informationen darüber, wo seine Schwachstellen lägen. CNN berichtete, dass US-Informanten in den russischen Reihen nun in Gefahr sein könnten.
Die Ukraine behauptet seit Tagen, es handele sich um von Russland gefälschte Dokumente. „Es ist ein gewöhnliches Geheimdienstspiel“, sagte der Berater des Präsidentenbüros, Mychajlo Podoljak. Die russischen Geheimdienste hätten die Dokumente erstellt mit dem Ziel, unter den Verbündeten Zweifel und Zwietracht zu säen. Hinter den Kulissen aber herrscht Verärgerung in Kiew wegen der veröffentlichten Daten, berichtete CNN unter Berufung auf das Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj, der angeblich auch ausspioniert wurde, was die Ukraine aber anzweifelt. Beratungen des Staatschefs mit dem Militär liefen anders ab als in Geheimdienstdokumenten dargestellt, sagte Podoljak am Montag.
Russland hingegen sieht durch die Berichte in den USA einmal mehr die Verwicklung Washingtons im Konflikt in der Ukraine bestätigt. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, die „Leaks sind einigermaßen interessant“, alle analysierten sie jetzt.