Moskau – Die Zeilen lassen aufhorchen – natürlich vor allem in der Ukraine: „Für die Staatsmacht und für die Gesellschaft ist es heute notwendig, irgendeinen dicken Punkt hinter die militärische Spezial-Operation zu setzen.“ So steht es in einem Blog-Eintrag von Jewgeni Prigoschin, Chef der für ihre Gewalt berüchtigten russischen Söldnergruppe Wagner.
Weiter schrieb der 61-Jährige: „Die ideale Variante wäre, das Ende der militärischen Spezial-Operation zu verkünden und zu erklären, dass Russland alle seine geplanten Ziele erreicht hat – und in gewisser Hinsicht haben wir sie ja auch wirklich erreicht.“ Und schließlich: „Für Russland besteht immer das Risiko, dass die Situation an der Front sich nach dem Beginn der (ukrainischen) Gegenoffensive verschlechtern kann.“ Nicht nur westliche Experten rechnen in den kommenden Wochen mit einer ukrainischen Offensive.
Die Worte sorgen für gewaltiges Aufsehen. Ist ein Kriegsende in Sicht? Später lässt Prigoschin über seinen Pressedienst erste Medienberichte mit dieser Deutung dementieren. Die Hauptaussage seines Artikels sei gewesen, dass es einen „ehrlichen Kampf“ geben müsse, stellte er klar. Auch der US-Thinktank Institute for the Study of War spricht von einer falschen Interpretation. Es ist wie so oft in der Ukraine: widersprüchlich und kompliziert.
Immerhin gibt es auch tatsächlich mal gute Nachrichten: Zum orthodoxen Osterfest werden ukrainischen Angaben zufolge 130 eigene Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft freigelassen. „Ein großer Oster-Gefangenenaustausch“, so schrieb der Leiter des ukrainischen Präsidentenbüros, Andrij Jermak, am Sonntag auf Telegram. Dazu postet er Fotos, die Dutzende Männer mit der blau-gelben ukrainischen Flagge zeigen. „130 unserer Leute kehren zurück.“ Der Austausch sei bereits in den vergangenen Tagen in mehreren Etappen erfolgt, fügt Jermak hinzu.
Es ist bereits das zweite Osterfest während der militärischen Auseinandersetzung. „Der Krieg konnte uns, unsere Werte, unsere Traditionen und unsere Feiertage nicht auslöschen“, sagt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem Video. „Heute feiern wir die Auferstehung Christi.“ In der Ukraine sind rund 70 Prozent der Menschen orthodoxe oder griechisch-katholische Christen. „Das Hauptsymbol ist der Sieg: der Sieg des Guten, der Sieg der Wahrheit, der Sieg des Lebens. Wir feiern Ostern in dem unerschütterlichen Glauben an die Unumkehrbarkeit dieser Siege.“
Russlands Präsident Wladimir Putin zeigt sich in der Nacht in Moskau in der berühmten Christ-Erlöser-Kathedrale. An der Seite von Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin zündet er eine Kerze an und lässt sich von Patriarch Kyrill ein verziertes Kunst-Osterei überreichen. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche gilt als glühender Anhänger von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kyrill spricht sich für eine Beendigung des Konflikts aus. Er gilt aber als wichtiger Verbündeter Putins. Seine Predigten für den Einmarsch russischer Truppen sorgten international für Empörung. Erst am Donnerstag berichtete das Moskauer Patriarchat erneut von seiner Unterstützung für die russischen Soldaten.
Unterdessen hat der ukrainisch Verteidigungsminister Resnikow einen Hinweis auf die ungefähre Höhe der eigenen Verluste seit Beginn des russischen Angriffskrieges gemacht. „Ich kann Ihnen keine genaue Zahl sagen, aber versichern, dass sie niedriger als die Zahl der Toten bei dem Erdbeben in der Türkei ist“, sagte er in einem Interview mit der spanischen Zeitung „La Razón“. Nach türkischen Angaben starben bei dem Erdbeben vom 6. Februar mehr als 50 000 Menschen. Bisher machte die Ukraine keine Angaben zur Zahl ihrer Verwundeten und Gefallenen.