München – Dirk Ziems ist Psychologe und Gesellschaftsforscher. Mit seinem Unternehmen „concept m“ führt er fortlaufende Tiefeninterviews zu aktuellen Themen – auch zur Klimadebatte. Dabei zeigt sich: Das öffentliche Bild von Klimaaktivisten hat sich seit den ersten Schulstreiks deutlich verändert.
Herr Ziems, Sie erforschen seit über einem Jahrzehnt, wie die Gesellschaft auf die Klimadebatte blickt. An welchem Punkt befinden wir uns?
Es ist eine Frontenbildung eingetreten. Vonseiten der Klimabewegung wird das Establishment zunehmend zum Feindbild. Denn aus dieser Sicht gehen der politische Betrieb und der bürgerliche Mainstream nicht in gebotener Weise auf die Dramatik der Klimakrise ein, sondern verschärfen diese nur laufend.
Auf der anderen Seite?
Dort ist der Mainstream der Bevölkerung hin- und hergerissen. Einerseits sehen viele ein, dass das Klimaanliegen durchaus sehr ernst zu nehmen ist. Obwohl man eigentlich nur ungern etwas Gravierendes an seinem Leben ändern will, ahnt man insgeheim, dass mehr Umsteuern notwendig sein wird und der jetzige Konsumstil auf Dauer Raubbau an der Erde ist. Andererseits weiß man nicht, was Festkleben an Autobahnen positiv bewirken soll. Generell wehrt man sich gegen die ständigen moralischen Vorwürfe und den Dauer-Alarmismus und will sich davon nicht in die Ecke drängen lassen.
Was stößt den Menschen am meisten auf?
Es ist einfach keine nachhaltige Kommunikationsstrategie, andere nur mit Schuldvorwürfen zu konfrontieren und die Situation ohnehin als weitgehend ausweglos darzustellen. Da entsteht automatisch eine Abwehrhaltung, und zwar inzwischen sogar auf einer persönlichen Ebene. In unseren Interviews erleben wir bei vielen Menschen eine direkte Antipathie gegenüber Figuren der Klimabewegung wie Carla Reemtsma oder Luisa Neubauer. Nervig, quengelig, rechthaberisch, sektiererisch – das sind so die Adjektive, die da kommen. Das aufrüttelnde Moment, das die frühen Proteste von Greta Thunberg in großen Teilen der Gesellschaft entfacht haben, ist vielfach in Ermüdung gekippt.
Was war damals anders?
Es war ja zunächst so etwas wie ein modernes Märchen. Ein junges Mädchen mit Zöpfen steht sozusagen für die Klarsichtigkeit der Kinder – fast wie in „Des Kaisers neue Kleider“. Ein hoch romantischer Mythos. Gleichzeitig hat Fridays-for-Future die Generationenverantwortung angesprochen. Die Erwachsenen sollen dafür sorgen, dass die Kinder später noch in einer funktionierenden Welt leben können. Dass so viele junge Menschen auf die Straße gehen und die Wissenschaft ihnen auch zustimmt, hat wirklich viele aufgerüttelt. Aber mit der Zeit hat sich die Wahrnehmung verändert: von der Weisheit der Naivität hin zur Weigerung, erwachsen zu werden.
Wo genau lag dieser Kipppunkt?
Es war wohl eher ein schleichender Prozess. Aber erinnern Sie sich noch daran, als Greta Thunberg über den Atlantik gesegelt ist? Mit Argusaugen wurde beobachtet, ob sie dabei ihre eigenen moralischen Ansprüche halten kann. Dabei ergab sich aber auch der Eindruck, dass sie die einzige war, die das wirklich tat. Viele andere Aktivisten verwickelten sich in die Widersprüche der Konsumgesellschaft. Smartphones, Flüge – keine andere junge Generation hat so viel Energie verbraucht. Gleichzeitig wurde weiter der Vorwurf an die älteren Generationen gerichtet und immer infantiler demonstriert.
Was meinen Sie mit infantil?
Sich auf den Boden werfen und Dinge beschmieren – das erinnert an die Trotzphase kleiner Kinder. Genau so kommt es auch bei vielen an, mit denen wir gesprochen haben. Und wenn die Letzte Generation dann in Berlin einen Baum absägt, um für den Klimaschutz zu demonstrieren, wirkt das auf viele einfach nur sinnentleert.
Wie geht es weiter?
Ich denke, vor uns liegt eine lange Phase mit Transformationsschmerzen im Sinne von Unstimmigkeiten. Eine Durststrecke. Gewisse klimapolitische Weichenstellungen werden angegangen, greifen aber noch nicht. Die Klimaaktivisten halten das alles natürlich für zu wenig und werden weiter rebellieren. Der Mainstream wird den in seinen Augen radikalen Weg hingegen so nicht mitgehen wollen. So lange der Gesprächsfaden aber nicht völlig abreißt, sehe ich keine Eskalation hin zu einer Art Klima-RAF. Andreas Baader war jedenfalls nie in einer Talkshow.
Interview: Sebastian Horsch