Der doppelte Wladimir Putin

von Redaktion

Ukraine behauptet, es war nur ein Double des russischen Präsidenten an der Front – Beliebter Trick bei Diktatoren

München – Die Bilder sind wackelig, der Ton rauscht. Es sind Amateuraufnahmen, die der Kreml ganz offiziell veröffentlicht. Zu sehen: Wladimir Putin, wie er durch die von Russland annektierten Gebiete in der Ukraine, Cherson und Luhansk, tourt. Er schüttelt Hände von Militärs und führt Gespräche in Bunkern. Die Botschaft hinter den inszenierten Bildern: Der russische Präsident ist volksnah, scheut sich nicht davor, ins Kriegsgebiet zu reisen.

In der Ukraine gibt man sich unbeeindruckt von diesen Szenen. „Das war nicht der echte Putin“, behauptet Olexij Danilow, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates der Ukraine, kurzerhand am Mittwoch. Laut Danilow sei jener Putin in Cherson nur „ein gewöhnliches Double gewesen, von denen es bekanntlich mehrere gibt“.

Diese Aussage heizt die Spekulationen um einen Putin-Doppelgänger weiter an. Schon vor einem Monat machten Bilder, die Putins Doppelgänger entlarven sollen, in den Sozialen Medien die Runde. Darauf zu sehen ist der Kreml-Chef im Profil angeblich bei einem Besuch auf der annektierten ukrainischen Halbinsel Krim. Auffällig: Putins Kinn ist eingefallen, er wirkt entstellt – irgendwie anders. Viele sind sich sicher, da war ein Doppelgänger im Spiel.

Doch open.online, eine italienische Webseite für Faktenchecks, will das Bild entlarvt haben. Es sei weder auf der Krim aufgenommen, noch handele es sich um ein Double. Stattdessen zeige es Putin, wie er eine Grimasse bei einem Besuch im südukrainischen Mariupol schneidet.

Belege für einen doppelten Putin gibt es nicht. Kiew aber profitiert von der Erzählung des verängstigten Mannes, dem man nur begegnen könne, wenn man laut Danilow „mindestens 10 bis 14 Tage in Quarantäne“ war. Während der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj regelmäßig und leibhaftig die Front besucht. „Das ist der Unterschied zum Bunker-Opa Putin, der bald vor sich selbst Angst hat“, so Danilow.

Der Kreml winkt ab, nennt die Theorie „merkwürdig“. Diktatoren haben in der Geschichte jedoch bei öffentlichen Auftritten immer wieder auf den Doppelgänger-Trick zurückgegriffen. So bestätigen Dokumente aus dem KGB-Archiv, dass Stalin mindestens vier Doubles hatte. Einer von ihnen, der Schauspieler Felix Dadajew, berichtete 55 Jahre nach Stalins Tod, wie er sich in den sowjetischen Diktator verwandelte: Er musste elf Kilo zunehmen, seine Zähne wurden künstlich vergilbt, denn Stalin war ein starker Raucher, den Rest erledigten Maskenbildner. Dadajew winkte als vermeintlicher Stalin sogar bei der Mai-Parade auf dem Roten Platz dem Volk zu.

Auch der irakische Diktator Saddam Hussein ließ sich von Doppelgängern vertreten – FPÖ-Chef Jörg Haider soll bei seinem umstrittenen Irak-Besuch 2002 nur ein Saddam-Double getroffen haben. Der albanische Diktator Enver Hodscha ließ den Zahnarzt Petar Shapallo aus seiner Praxis entführen. Shapallo hatte das Pech, Hodscha verblüffend zu ähneln. „Den Rest meißelte der Chirurg. Friseure und Schneider arbeiteten an Shapallo, um die Ähnlichkeiten zu vervollkommnen“, schreibt Lloyd Jones in dem Buch Der Mann, der Enver Hodscha war. Hodscha ließ laut Jones Shapallos Frau, seine zwei Töchter und auch die Chirurgen und Friseure, die von der Existenz des Doubles wussten, töten. K. RIMPEL, L. HUDELMAIER

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