Beginnende Türkei-Wahl

Alles, nur kein Selbstläufer

von Redaktion

VON MARCUS MÄCKLER

Es ist und bleibt paradox: Da leben Menschen in einem der demokratischsten Länder der Welt, stützen aber in ihrer zweiten Heimat einen durch und durch autoritären Präsidenten. Dass Recep Tayyip Erdogan sich bis jetzt an der Macht halten konnte, hat er auch den vielen Deutsch-Türken zu verdanken, die ihm bei der Wahl 2018 ihre Stimme gaben. Diesmal aber liegen die Karten etwas anders.

Vieles spricht jedenfalls nicht für ihn. Wegen seiner abenteuerlichen Ansichten zur Wirtschaft ist die türkische Lira so wenig wert wie nie zuvor. Noch sichtbarer wurden die Auswirkungen seiner Politik bei den schlimmen Erdbeben Anfang Februar, als allein in der Türkei 51 000 Menschen starben. Viele deutsch-türkische Familien sind direkt oder indirekt betroffen. Auch ihnen dürfte klar sein, dass Tausende noch leben könnten, wenn Bauvorschriften beachtet und Erdbeben-Gelder nicht in dunkle Erdogan-nahe Kanäle geflossen wären. Dass der Präsident auch gesundheitlich nicht das beste Bild abgibt, während der (allerdings ältere) Oppositionskandidat Kemal Kilicdaroglu zunehmend an Profil gewinnt, ist noch so ein Indiz dafür, dass die Wahl für Erdogan kein Selbstläufer sein wird.

Es wäre höchste Zeit für einen Politikwechsel in Ankara. Erdogan, der sich das Justizsystem gefügig gemacht, die Pressefreiheit massiv eingeschränkt, ja die Demokratie entkernt hat, passt längst nicht mehr in dieses Amt. Er hat angekündigt, nur noch diesmal antreten zu wollen. Vielleicht schicken ihn die Wähler, jene eingeschlossen, die seit gestern hier abstimmen, ja schon früher in den Ruhestand.

Marcus.Maeckler@ovb.net

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